Die Grafik zeigt den starken Anstieg queerfeindlicher Straftaten.
Marcel Rohrlack nach der Attacke 2015. © privat (2)
Louis wurde Opfer einer homophoben Attacke.
Daniel Tonnar Leyva ist entsetzt über den Kommentar auf seiner TikTok-Seite. © instagram.com/dailydaniel0/
Daniel Tonnar Leyva war in Berlin beim Christopher Street Day, als ein Transporter in die Menschenmenge fuhr. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden teils schwer verletzt – ein 21-jähriger Islamist ist der Tatverdächtige. Daniel: „Es war furchtbar, man hatte zwar immer damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte, aber dass es passiert ist, ist unfassbar.“
Der Münchner ist als @dailydaniel0 auf Instagram und TikTok aktiv. Der 23-Jährige postete ein Video vom Moment der Evakuierungsdurchsage. „Als ich dann am nächsten Tag meinen Account öffnete, dachte ich, ich sehe nicht richtig.“ Ein Gastwirt aus Thüringen hatte das Video mit den Worten kommentiert: „Ab nach Auschwitz und weg mit euch.“ Daniel: „Ich bekomme solche Kommentare schon immer, es ist trauriger Alltag für mich, doch das war eine neue Qualität.“ Laut MDR gingen bei der Staatsanwaltschaft Mühlhausen zwei Strafanzeigen ein. Die Landesgartenschau Worbis-Leinefelde kündigte ihren Sponsorenvertrag mit dem Wirt. Der versuchte, sich zu entschuldigen. „Der lächerlichste Versuch, etwas zu retten, was nicht wiedergutzumachen ist“, so Daniel. Das Internationale Auschwitz-Komitee wies in einem offenen Brief eine Entschuldigung zurück. Doch es gab auch weitere Kommentare wie: „Schade, dass dich der Transporter übersehen hat.“ – „geht nach Hause und kommt mir nicht unter die Räder“ – „Abdul wollte niemanden diskriminieren – er fuhr TRANSporter“.
Daniel: „Ich habe öfter Anzeigen erstattet, man kann aber nicht für jeden Hasskommentar zur nächsten Inspektion gehen.“ Das koste zu viel Zeit, das staatliche Hatespeech-Portal sei überfordert: „… doch es sind einfach zu viele Fälle“. Daniel sieht die Plattformbetreiber in der Pflicht: „Wir müssen Meta und TikTok zur Rechenschaft ziehen.“ Der Gesetzgeber sollte bessere Filter etablieren. „Und wir brauchen dringend eine Klarnamenpflicht.“
Auch in München bleibt es nicht bei Verbalattacken: Louis (24) wurde im Februar in der Tram angegriffen: Nach dem Händchenhalten mit seinem Freund schüttete ein Fahrgast Bier auf ihn, warf die Flasche nach ihm und schlug auf ihn ein. Sein Notruf und zugestiegene Fahrgäste beendeten das Geschehen. Louis erstattete Strafanzeige, doch die Überwachungskamera habe nicht funktioniert, hieß es, das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.
Bundesweit wurden voriges Jahr 2070 antiqueere Straftaten gezählt, 2014 waren es nur 184. In Bayern zählte das LKA 126 queerfeindliche Straftaten, darunter 18 Körperverletzungen. Politisch waren 44 Prozent Rechtsextremen zuzuschreiben, 44 Prozent schlicht homophob. „Es ist schwierig, verschiedene Formen von Queerfeindlichkeit gegeneinander aufzuwiegen. Islamismus und Rechtsextremismus sind Brüder im Geiste“, sagt Marcel Rohrlack (29). Er wurde 2015 auf dem Heimweg vom Münchner CSD verprügelt. Täter: unbekannt.JOHANNES WELTE