MÜNCHNER FREIHEIT

Isar- Renymphisierung

von Redaktion

Wer je einem Amerikaner geraten hat, beim sommerlichen München-Besuch mal zwischendurch in die Isar zu hupfen, weiß, wie ein völlig leerer Gesichtsausdruck aussieht. Es übersteigt einfach alle Vorstellungen, dass mitten in einer Großstadt ein doch recht klarer Fluss zum Baden einlädt. „Aus dem Karwendelgebirge springt a kloana Bach“, singt bekanntlich der Willy Michl, und man hat ihm lang geglaubt. Aber die ganze Wahrheit zeigt ein Mosaik in der Lokalbaukommission, Müllerstraße 18. Der Bildhauer Benjamin Jakob Reiser, Jahrgang 1902, hat es erschaffen, und es ist anzunehmen, dass ihm damit ein ziemlich exaktes Portrait vom München der Fünfziger Jahre gelungen ist:

Da steht im Gebirge eine langhaarige Nymphe, obendrüber eine halberte Sonne und ein Regenbogen, wahrscheinlich weil der gut in die Müllerstraße passt. Aber kloana Bach – Pfeifendeckel. Die Nymphe schüttet mit einem Krug den ganzen Fluss einfach ins Oberland hinunter. Das Wasser fließt dann in einer absolut waagerechten Linie bis rüber zu einer Stadt und dann einmal drumrum. Ortsrandbebauung hat es wohl noch nicht gegeben, Obermenzing, Freiham, Unterhaching waren noch böhmische Dörfer. Alle Häuser stehen innerhalb des Flussrings, alle etwa gleich groß, nur in der Mitte ragen Zwillingstürme hervor.

München ist also in dieser Darstellung komplett rund, und genauso wird es ja wohl gewesen sein. Kein Wunder, dass man heute Städte wie Landshut oder Freising so wenig mit der Isar verbindet, denn die Isar ist früher offenbar einfach bloß bis München gekommen und dann lieber wieder ins Gebirge zurückgeflossen. Solche Fließbewegungen sind weltweit eher selten. In Chicago wird der Fluss aus dem Michigansee wieder zurückgepumpt, und in Hinterwieselharing fließt die liebliche Gschwoab einmal um einen Berg namens Kawenzmann herum. Das Umrunden einer ganzen Stadt dürfte aber einzigartig gewesen sein.

Fahrlässigerweise hat man das irgendwann geändert, wahrscheinlich kurz vor Olympia ‘72, da ist die Stadt ja recht sportlich umgebaut worden. Heute fließt die Isar bekanntlich nur so durch. Die nächste Olympiade wäre nun die beste Gelegenheit, diesen historischen Stadtplanungsfehler mittels Renymphisierung wieder rückgängig zu machen, auch wenn so ein Mammutprojekt natürlich einige Risiken birgt.

Es könnte zum Beispiel gefährliche Strudel und hohe Wellen geben, wenn die Isar in sich selbst zurückfließt. Für München aber wäre das ideal: Da könnte man wieder surfen.

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