Vor sehr vielen Jahren, kurz nachdem Heinrich der Löwe die Brücke von Föhring niedergebrannt hatte, durfte ich mal mit meiner Oma in die Oper. Als ich mir, bestimmt nicht freiwillig, die Schuhe putzte, sagte sie: „Aha, sehr gut. An den Schuhen erkennt man den Charakter.“ Der aktuelle Blick unter den Schreibtisch sagt: Die weißen Sommerschuhe sind grau bis schwarz. Es geht bergab mit meinem Charakter.
Seit dem Wochenende glaube ich, dass meine Oma auch in Münchner Biergärten Charaktertests machen könnte – beim Umgang mit Wespen. Klar, keiner im Biergarten begrüßt Wespen, als handele es sich um eine süße Entenfamilie, aber wie die Leute ihre Abneigung zeigen, das ist schon sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite die Stoiker, die einen Bierdeckel auf ihren Masskrug legen und so entspannt sind, dass die Wespen kein Essen, sondern einen Platz am Stammtisch wollen. Auf der anderen Seite die Hektiker, die panisch um sich schlagen.
Ich selber bin eine Kombination aus beidem: Wenn die Kinder herschauen, bin ich Typ Stoiker und versuche, ganz ruhig zu bleiben, schließlich will ich ihnen einen entspannten Umgang mit Wespen beibringen. Sobald die Kinder wegschauen – naja, da bin ich anders.
Und dann gibt es die Schlauberger. Vor 2000 Jahren empfahlen sie, Wespen mit großen Marmor-Klatschen zu erschlagen, vor 50 Jahren vertrieb ihr Zigarettenqualm die Wespen, vor drei Jahren war es die Ablenkungsfütterung, letztes Jahr eine App. In diesem Jahr sind sich alle Schlauberger einig: man muss die Wespen mit Wasser besprühen, damit die denken, dass es regnet. Ich hab’s selbst erlebt: Ich esse in Ruhe meine Spareribs, kommt eine Wespe angeflogen, die Nachbarin zückt eine Wassersprühflasche, die Wespe weicht aus – die Spareribs nicht. Danke für die Dusche auf meinen Teller. Wenn es nächstes Jahr heißt, Blumenerde vertreibt Wespen, weiß ich jetzt schon, dass Schlauberberger-Freund H. mit einem Sack im Biergarten aufmarschieren wird. Wäre ich Hersteller von Presslufthämmern, ich hätte schon längst eine Pressemeldung verschickt: „Ganz einfach Ruhe vor Wespen haben: Wespen nehmen Reißaus ab 1000 Dezibel.“
Mein Ziel für den August ist: Wespen-Stoiker werden, Charakterfrage, wie die Schuhe. Noch bin ich nicht so weit, erst muss nach einem wilden Juli bisserl Ruhe in mein Leben. Aber dann, Mitte August, da hocke ich im Biergarten, frisch geputzte Schuhe und auf dem Tisch alles, was Wespen mögen: Zwetschgendatschi, Limo, Spareribs. Und seelenruhig lasse ich mich umschwärmen. Und meine Oma sitzt auf der Wolke und ruft den andern zu: „Schaut nur, mein Enkel, blitzblanke Schuhe und völlig entspannt: an den Schuhen und am Umgang mit Wespen erkennt man den Charakter.“