Es ist ein Bild des Jammers: die einst stolze MS Bad Wiessee, mit deutlicher Schlagseite im Uferschlamm des Tegernsees steckend und ganz offenbar dem totalen Verfall preisgegeben. Dass die Besitzer sämtliche Anordnungen zur Beseitigung des Wracks ignorieren, ist skandalös, aber verständlich: Die Entsorgung kostet einen Batzen Geld. Schließlich kann man ein Schiff dieser Größe nicht einfach beim nächsten Sperrmüll anmelden.
Dabei gäbe es eine Lösung: Bietet den Schrotthaufen in München an! Da findet sich garantiert jemand, der ihn nimmt. Schließlich gibt es in München eine gewisse Tradition, Ausgedientem an ungewöhnlichen Orten neuen Sinn (oder Unsinn, je nach Sichtweise) einzuhauchen. Wir erinnern uns: Der Aktionskünstler Wolfgang Flatz hat 2004 einen goldenen Wohnwagen „Bel Etage“ genannt und ihn zunächst ins Geäst eines alten Baumes auf der Praterinsel gepflanzt (oder sollte man sagen: geflazt?). Später zog das Gefährt dann auf ein Flachdach im ehemaligen Kistlerhof-Komplex um, wo es Gesellschaft von einem ausgemusterten Hubschrauber bekam. Bellevue di Monaco baute 2020 einen Sportplatz aufs Dach eines Hauses an der Müllerstraße. Und Daniel Hahn hat bereits 2018 die Stadt mit einem Schiff möbliert: Die Alte Utting thront seitdem als originelle Kneipe auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke nahe der Großmarkthalle und lockt Scharen von Gästen an.
Da wird sich doch auch für die deutlich kleinere MS Bad Wiessee ein Platzerl samt Investor finden. Markant über das Dach des alten Gasteig in Haidhausen hinausragend, dessen Renovierung garantiert noch Jahre auf sich warten lässt, könnte das Schiff als „Funny Fish“ die Nachfolge des Zwischennutzungsprojekts „Fat Cat“ antreten. Ein idealer Ort, um den Teilnehmern politischer Diskussionsrunden endlich einen Überblick zu verschaffen oder für Pressekonferenzen, auf denen abgehobene Forderungen vorgestellt werden sollen.
Ein Vorschlag ans Tourismusamt: Richtet das Schiff ein bisserl her und zieht es auf einem Tieflader als René-Benko-Wanderpokal durch die Stadt. An wechselnden Schauplätzen kann es dann die Blicke der Touristen von den Signa-Bauruinen ablenken. Außerdem hat die MS Bad Wiessee wie jedes Schiff eine Brücke. Die sollte sich das Münchner Baureferat schleunigst sichern.
Denn der Bedarf an Ersatz- und Interimsbrücken wird in den nächsten Jahren dramatisch wachsen, wenn Donnersberger- und Tierparkbrücke sowie diverse Eisenbahnunterführungen saniert werden müssen.
Irgendeine Lösung wird sich finden, und allen wäre gedient: Die Tegernseer sind ihren Schrott los, und die Münchner dürfen sich wieder einmal in der Gewissheit sonnen, dass ihnen so etwas keiner nachmacht.