Der Königsplatz steht Kopf

von Redaktion

„Ham kummst“ und noch mehr: Die Austropopper Seiler & Speer entfesseln ihre Fangmeinde

Christopher Seiler (li.) und Bernhard Speer sind von der Münchner Kulisse beeindruckt. © Achim F. Schmidt (3)

Hoch die Hände: Otto spielt den Einheizer und animiert die Fans zum Lachen und Mitsingen.

Das Publikum am Königsplatz feiert die Austropopper, die ihre textsicheren Fans fest im Griff haben. © Achim Frank Schmidt

Plötzlich stehen Seiler und Speer vor der Glyptothek. Auf einer Minibühne gehen sie auf Tuchfühlung mit den jubelnden Fans und stimmen ihren Song „Tot sei wär mir lieber“ an. Ein geglücktes Deutschland-Comeback für die Austropopper! Im März hatte es noch Gewaltvorwürfe gegen Sänger Christopher Seiler gegeben. Er hatte zugegeben, einer Frau gegen ihren Willen Kokain auf den Mund geschmiert zu haben (wir berichteten). Daraufhin folgten eine Auszeit der Band und eine Therapie für Seiler. Das Strafverfahren endete schließlich mit einer sogenannten Diversion, ohne Urteil und ohne Vorstrafe. Seiler muss allerdings bestimmte Auflagen erfüllen, die geheim blieben.

Als Vorgruppe auf dem gut gefüllten Königsplatz stand der wohl berühmteste Ostfriese Deutschlands bereit: Komiker Otto Waalkes startete mit seinen Friesenjungs einen erfolgreichen Angriff auf die Lachmuskeln. Dabei preschte der 78-Jährige unaufhörlich über die Bühne und zog einen Kulthit nach dem anderen durch den Kakao. Mit einer selbst gebauten Kanone ließ er Plüsch-Ottifanten regnen und prostete den Fans stilecht als Verneigung vor München mit einem Masskrug zu. Auf dem Königsplatz ein teures Vergnügen: 7,80 Euro für die Halbe dürften ein neuer Preisrekord des Konzertsommers sein, der nicht einmal bei den vergangenen Stadionshows in der Allianz Arena erreicht wurde. Die Schlangen an den Bierständen zeigen allerdings, dass viele in der Abendhitze trotzdem zugreifen.

Ganz in Schwarz kommen Seiler und Speer danach mit ihrer fünfköpfigen Band auf die Bühne. Der Sound ist erstklassig abgemischt und beide spürbar in Spiellaune. Immer wieder äußert sich das Duo zur imposanten Kulisse des Königsplatzes, den sie fast schon ehrfürchtig bestaunen. 2025 hatte das Duo noch in der Olympiahalle gespielt. „Mama Leone“, die Ode von Seiler an seine früh verstorbene Großmutter, bringt erstmals Gänsehaut-Feeling und lässt alle mitschunkeln. Vor der Ballade „Setz di her“ fragt Speer: „Können wir den Königsplatz zum Leuchten bringen?“ Binnen Sekunden hält jeder die Handy-Taschenlampe hoch.

Eines der Markenzeichen von Seiler und Speer ist der fliegende Wechsel der Genres. Mal geht ihr Sprechgesang Richtung Hip-Hop, dann wird es wieder poppiger, ehe Rock ’n’ Roll mit ordentlich Wumms auf dem Programm steht. „In ana aundan Sproch“ mit italienischem Refrain driftet dann sogar Richtung Schlager. Textlich geht es um die Liebe, den Suff und bei den neueren Songs des Albums „Hödn“ auch um ernstere Themen, wie den Tod. Die Stilwechsel beherrschen die Österreicher nach vier Alben blind und haben mit den textsicheren Fans ein dankbares Publikum, das die live rockiger klingenden Songs besonders bejubelt. Als besonderes Schmankerl spielen sie einen bislang unveröffentlichten Song, der mit dem Liedermacher Ernst Molden aufgenommen wurde.

Natürlich darf der größte Hit nicht fehlen: Den inzwischen über zehn Jahre alten Gassenhauer „Ham kummst“ verwandelt die Band in eine sieben Minuten lange Rock-Hymne, verpackt darin Gitarrensoli und erntet entfesselt mitsingende Fans. Winkend und mit „Baba“-Rufen verabschieden sich die Österreicher und hinterlassen einen begeistert applaudierenden Königsplatz.MICHAEL HELLSTERN

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