MÜNCHNER FREIHEIT

Auf dem Everest dahoam

von Redaktion

Vielleicht liegt es daran, dass meine Kinder aktuell gern das Brettspiel Cluedo spielen, dass mein detektivischer Sinn geschärft ist. Jedenfalls wittere ich aktuell Geheimnisse überall. So mache ich mir seit zwei Wochen Gedanken, was jenen Mann umtreiben könnte, der jeden Tag um exakt 7.45 Uhr vor unserem Haus spazieren geht – ohne Hund, Regenschirm oder Wanderkarte, einfach so. Jetzt habe ich eine heiße Spur.

Denn dieser Mann macht offenbar „Everesting“. Das ist die neue Übersetzung von „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“. Everesting, so habe ich gelesen, bedeutet, sich ein viel zu großes Ziel in weiter Ferne vorzunehmen. Dann nimmt man dieses Ziel und unterteilt es in erreichbare Schritte in der eigenen Umgebung. Also: Der Mount Everest ist 8848 Meter hoch: Das ist etwa 850 Mal auf den kleinen Schlittenberg bei uns steigen. Oder 8848 Mal einen Meter hoch auf die Trittleiter in der Küche, um an das geheime Süßigkeitenglas im oberen Schrankfach zu kommen. 8848 Mal einen Meter ist im Ergebnis: einmal auf den Mount Everest.

Dieses „Everesting“ hat natürlich einen großen Nachteil – man ist nicht auf dem Everest am Schluss. Das hat aber auch Vorteile: Man kommt regelmäßig an Süßigkeiten, muss nicht weit reisen und man wird in der eigenen Küche nicht von Yeti, Reinhold Messner oder Lawinen überrascht. Und: Everesting ist auch für den Beobachter attraktiv, weil man sich hinter Alltagstätigkeiten spannende Geschichten überlegen kann: Der Nachbar, der immer im Winter seinen Oldtimer mit einer Plane bedeckt – macht er das so oft, bis er wie Christo in Summe den Reichstag eingehüllt hat? Der akribische Rasenmäher-Nachbar – mäht er nur deshalb jeden zweiten Tag, weil er das Gefühl haben will, er hat in der Summe einmal den schönsten schottischen Golfplatz durchgemäht?

Beim unbekannten Spaziergänger um 7.45 Uhr sind mir sowohl das Ziel als auch die Zwischenschritte unbekannt. Gehen wir aber mal davon aus, dass er seit zwei Wochen Everesting betreibt: Dann muss ich damit rechnen, dass er in etwa sechs Wochen bei mir vor der Haustür auf dem Gipfel des Everest steht.

Deshalb bereite ich mich auf den Tag X vor und den Moment, an dem der unbekannte Spaziergänger den Everest erklimmt – vor meiner Haustür. Ich reiße heute in sechs Wochen um 7.45 Uhr die Haustür auf, natürlich in voller Ski-Bekleidung, Schneeschuhe an den Füßen, ein Topf mit heißen Weißwürsten in den Händen. Kaum habe ich mich von der Sauerstoffmaske befreit, rufe ich auf Nepalesisch Glückwünsche zur Besteigung des Mount Everest. Der unbekannte Mann: „Wie? Was? Mount Everest? Everesting? Nie gehört. Darf ich vielleicht einfach zum Bäcker Brezn holen gehen so wie jeden Tag?“ Auf den Schock hin steige ich auf meine Trittleiter und greife in die Süßigkeitenkiste. Noch ein paar tausend Mal einen Meter die kleine Leiter hoch, dann stehe auch ich hoch oben – auf dem Gipfel des Mount Everest.

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