Schockanrufe: Chef-Gauner vor Gericht

von Redaktion

Betrug in 20 Fällen: Angeklagter will auspacken – Urteil für September erwartet

Carsten M. (hinten sein Anwalt) machte am Telefon einen vertrauenserweckenden Eindruck. © SIGI JANTZ

Das Betrugsmodell „Falscher Polizist“ ist bekannt: Ein Anrufer macht arglosen Senioren weis, sie müssten bei polizeilichen Ermittlungen gegen Gauner helfen, ihr Vermögen von der Bank abheben und zur Sicherheit einem Polizeikollegen des Anrufers übergeben. Meist lassen sich bei solchen Verbrechen nur die Abholer dingfest machen, weil misstrauische Opfer zur Geldübergabe die echte Polizei rufen. Doch nun ist der Justiz ein dicker Fisch ins Netz gegangen: Carsten M., seit gestern vor dem Landgericht München angeklagt, erledigte persönlich aus dem Ausland die Anrufe bei den Opfern seiner Bande. Außerdem organisierte er die Abholung der Beute – insgesamt 107.000 Euro.

In 20 Fällen ist M. angeklagt, 14 der Taten betreffen Senioren aus München. „Das drohende Strafmaß ist erheblich“, bemerkte der vorsitzende Richter Christian Daimer gleich zu Beginn. Ein Jahr Gefängnis pro Fall ist das gängige Strafmaß für gewerbs- und bandenmäßigen Betrug. Den Verteidigern Sebastian Kirmayr und Jürgen Hadinger ist deshalb daran gelegen, dass ein dreijähriger Haftaufenthalt im Libanon bei der Festlegung des Strafmaßes angerechnet wird. „Dort wurde M. bereits angeklagt und verurteilt, weil er Fälle von dort aus organisierte“, erklärt Kirmayr. Welche genau, muss noch die Übersetzung des libanesischen Urteils erweisen. Auch sei M. nicht der einzige „Keiler“, so nennt man die falschen Anrufer, gewesen. Er habe manchmal nur übernommen.

Fest steht: In 14 Fällen soll M. Münchner Senioren – am Feldmochinger Blütenanger sowie in der Neubiberger Heinzelmännchen- und Eulenspiegelstraße – angerufen haben. Ihr Name stehe bei Gaunern auf einer Liste, fabulierte er, die mit verbrecherischen Bankmitarbeitern das Geld der Senioren ins Ausland veruntreuen wollten. Man müsse es schnell abheben und einem von M.s Ermittlern übergeben. Die Zuschauer im Gerichtssaal bekamen eine Ahnung davon, warum die Senioren M. auf den Leim gingen: Man sah einen sachlichen, ruhig sprechenden Angeklagten, der die überbordenden Erklärungen des Vorsitzenden, wie ein Gericht funktioniert, geduldig anhörte.

Herausreden kann sich Carsten M. diesmal aber nicht. Er gestand stattdessen alle Vorwürfe und kündigte an, über Hintergründe und Mittäter Auskunft zu geben. Bis zum letzten Verhandlungstag Mitte September dürfte es spannend werden.ISABEL WINKLBAUER

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