Kein Zweifel: Für drei Glückspilze unter unseren Leserinnen und Lesern war es einer jener Momente, die man für den Rest seines Lebens im Gedächtnis behält: In der Serie „Mit uns mittendrin“ durften sie die Kapelle am Chinesischen Turm dirigieren. Das war freilich nur die Ouvertüre zum Hochamt des Laien-Gastdirigats, das am zweiten Wiesn-Sonntag wieder ansteht: Dann dürfen (oder müssen?) der Oberbürgermeister und ausgewählte Gäste der Stadt beim Platzkonzert der Festkapellen auf den Stufen der Bavaria den Taktstock schwingen.
Puls und Adrenalinpegel der Freizeit-Dirigenten dürften jenen eines Bungeespringers vor dem Absprung nahekommen, denn der Auftritt erfolgt vor Publikum. Vorn die Musiker: 600 Augen, deren Blicke auf den Delinquenten – Verzeihung: Dirigenten – gerichtet sind. Wären es Laserstrahlen, die Hand mit dem Taktstock würde augenblicklich verdampfen. Und als wäre das nicht schlimm genug, drängt sich im Rücken eine Tausende zählende Besuchermenge. Bereit, hinterher genussvoll darüber zu diskutieren, wie sich der oder diejenige geschlagen hat. Der Platz vis-a-vis der Bavaria bietet für ein paar Minuten die Chance, Momente der Glückseligkeit zu erleben oder sich bis auf die Knochen zu blamieren.
Ich weiß nicht, ob Dominik Krause vor seiner ersten Wiesn als OB neben dem Anzapfen auch das Dirigieren geübt hat. Aber ich kann ihn beruhigen: Anders als beim Schlegel kommt’s beim Taktstock nicht wirklich darauf an, was er damit macht. Denn in Wahrheit dirigiert hier die Kapelle den Dirigenten. Dessen einzige Funktion ist es, zu zeigen, wann es losgehen soll. Danach genügt es, Arme und Taktstock einigermaßen in dem Rhythmus zu schwingen, den die Musik vorgibt. Eine Art Karaoke mit Stöckchen im XXL-Format.
Die hohe Kunst des Dirigierens – Einsätze geben, die Dynamik regeln, dem Orchester mit kleinen Gesten der linken Hand Nuancen der Ausdrucksweise zu entlocken und bei Bedarf einzelnen Musikern dezente Hinweise zukommen zu lassen – all das ist hier nicht gefordert. Bestimmt wären die Profis an den Instrumenten überrascht, wenn der Gastchef damit anfangen würde. Aber um sie beim Defiliermarsch oder einem der anderen Stücke, die sie schon tausendmal gespielt haben, aus der Ruhe oder gar aus dem Takt zu bringen, bedürfte es eines Spitzendirigenten, der alle Register zieht, und zwar bewusst verkehrt.
Selbst gegen diese Gefahr wissen sich die Musiker zu wappnen – mit einem streng geheimen Trick. Vor ein paar Jahren habe ich das Geheimnis durch eine Zufallsbeobachtung gelüftet. Der OB hob schon den Taktstock, da steckten der Tubist in der zwölften Reihe und sein Nebenmann noch einmal kurz die Köpfe zusammen. Trotz der Entfernung glaube ich folgenden Dialog von ihren Lippen abgelesen zu haben: „Heit schau i amal hin“ – „Des traust di ned!“