Grzegorz K. war der Abholer der Bande. Er wurde nun zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
Bernhard G. (89) erzählt seinen Fall, um andere Senioren zu warnen. © SIGI JANTZ (2)
Mit seinen 89 Jahren ist Bernhard G. noch richtig fit. Körperlich wie geistig. Und trotzdem: Es kann auch einen aktiven Senior wie ihn erwischen. „Das hätte ich nie gedacht“, sagt er. Was passiert war? Telefon-Betrügen riefen G. im Januar zu Hause in Neuhausen an – und konnten am Ende rund 45.000 Euro erbeuten. „Eine Schweinerei“, sagt der 89-Jährige. Denn abzusehen war das wirklich nicht. Aber die Gangster nutzten das Leid seines Sohnes.
Denn die gängigen Maschen kennt Bernhard G. alle: Wenn falsche Polizisten sich etwa melden und erzählen, dass in der Nachbarschaft eingebrochen wurde und man auch auf der Liste steht – und Beamte nun kommen, um das eigene Geld zu sichern. „Darüber habe ich mir schon mehrfach Vorträge im Polizeipräsidium in der Ettstraße angehört, die Betrügermaschen wurden alle erklärt.“ So auch der Schockanruf: Wenn ein Staatsanwalt sich meldet und behauptet, das eigene Kind hätte einen tödlichen Unfall verursacht und man müsse jetzt die Kaution zahlen, weil sonst Haft droht. „So etwas ist schon besonders dreist“, sagt Bernhard G. Aber auch diesen gemeinen Trick kannte er.
In seinem Fall aber kam wohl auch der Zufall hinzu. „Ein Professor rief mich an und sagte, es gebe endlich ein Medikament für meinen Sohn, der an Blutkrebs leidet.“ Bernhard G. konnte es kaum fassen: Denn sein Sohn leidet tatsächlich an der Krankheit. „Erzählt hatte er dies zu dem Zeitpunkt nicht mal seinen eigenen Kindern, sondern nur mir. Diesen Umstand konnte also wirklich niemand anderes wissen.“ Deshalb ging der Senior – trotz allem, was er über Telefon-Betrüger wusste – auch davon aus, dass die Geschichte stimmte. „Mir wurde gesagt, es sei ein Riesenglück, dass die Krankheit jetzt heilbar ist. Die Behandlung meines Sohnes müsse aber sofort beginnen und das Medikament direkt bestellt werden – das gäbe es aber nur in der Schweiz. Morgen schon könne es dann in München sein.“ Der Preis: Mehr als 80.000 Euro. „So viel hatte ich natürlich nicht einfach so“, sagt Bernhard G. Mit dem vermeintlichen Professor einigte er sich auf eine Anzahlung – und überreichte einem Abholer dann Goldbarren im Wert von gut 45.000 Euro.
Laut Staatsanwaltschaft vergingen nur 45 Minuten zwischen dem ersten Anruf und der Abholung der Beute. Den Mann sah Bernhard G. nun wieder – und zwar vor Gericht. Denn Grzegorz K. ist Teil der Betrügerbande, die im Februar auch in Grasbrunn zugeschlagen hatte. Dabei wurde der Pole aber gefasst. Und jetzt auch verurteilt: Zwei Jahre und zehn Monate Knast verhängte das Amtsgericht gegen den Abholer. Auch, weil Bernhard G. mutig zu seinem Fall ausgesagt hatte.
Im Nachhinein sagt er: „Natürlich ärgere ich mich. Wahrscheinlich sehe ich das Geld nie wieder. Aber ich habe auch schon von Fällen gehört, wo Senioren 500.000 Euro verloren haben.“ Denn die Betrüger sind hochprofessionell, für die Anrufe werden sie lange ausgebildet.
Vorwürfe gegen sich selbst sind daher nicht angebracht. „Es kann jeden treffen“, heißt es auch von der Polizei. Sie rät, immer direkt aufzulegen. Und mit Angehörigen ein Codewort zu vereinbaren, das sonst niemand kennt: „In meinem Fall hätte das geholfen, den Betrug zu erkennen“, sagt Bernhard G.ANDREAS THIEME