MÜNCHNER FREIHEIT

Kein Weltrekord in Nächstenliebe

von Redaktion

Sicherlich erinnern Sie sich noch an die Kolumne, die an dieser Stelle am 21. Juli 2018 erschien. Damals philosophierte ich, beeindruckt von einer Reise nach Schweden, über unsere Zukunft ohne Bargeld. Ich fragte, wie das funktionieren solle bei denen, die man traditionell mit Münzen bezahlt– etwa Straßenmusiker. Das Wasser, das damals die Isar hinunterfloss, wurde mittlerweile sieben Mal als Regen wiedergeboren. Eine Pandemie hat uns das Bargeld madig gemacht.Alles ist anders. Musiker in der Münchner Innenstadt lassen keinen Hut mehr herumgehen, sondern hängen ein Plakat mit einem QR-Code auf. Wer ihn scannt, landet bei einem Bezahldienst und kann sekundenschnell die Musiker reicher machen – und natürlich auch den Freund von Donald Trump, dem der Bezahldienst gehört. Mag sein, dass ich zu viele ZDF-Herzkino-Filme geschaut habe. Aber mit Münzen fand ich das Leben romantischer.

Auch in der Gastronomie wird heutzutage fast ausschließlich mit Karte bezahlt. Um dem Personal ein Trinkgeld zu geben, hat sich ein Programmierer etwas Cleveres einfallen lassen: Auf dem Kartenlesegerät erscheint die Frage, wie viel Prozent Trinkgeld es denn sein dürfen. Eine praktische Idee, solange der Gast ein Trinkgeld für gerechtfertigt hält. Vergangene Woche aber besuchte ich einen namhaften Biergarten unserer Stadt. Ich holte mir ein Bier an einem Stand, fischte eine Breze aus einem Korb und trug beides zu einer Frau, die gelangweilt hinter einer Kasse saß. Gnadenlos fragte mich das Kartenlesegerät auch diesmal, ob ich Trinkgeld geben wolle – und schlug ganz unverbindlich 20 Prozent vor. Kurze Rückfrage: Für was eigentlich? Wenn sich eine alte Frau über die Straße quält und ich beschließe, ihr nicht zu helfen, und wenn ich dann für meine Untätigkeit auch noch Geld verlange, dann stelle ich garantiert nicht den Weltrekord in Nächstenliebe auf. Aber ein Biergarten ist ja auch kein Sozialprojekt, was man unschwer an den 17,20 Euro erkennen kann, die ich für Bier und Breze bezahlen sollte – ohne Trinkgeld.

Freilich gibt es immer auch die Möglichkeit, auf dem Lesegerät „kein Trinkgeld“ anzutippen. Nur hält der potenzielle Empfänger das Lesegerät oft in der Hand. In dieser Situation kein Trinkgeld zu geben, fühlt sich an wie die größte Mutprobe der Moderne. Ich arbeite hart an mir, aber irgendwann schaffe ich das.

redaktion@ovb.net

Artikel 1 von 11