MÜNCHNER FREIHEIT

Die Soziologie des Spielplatzes

von Redaktion

Es gab eine Zeit, da verbrachte ich meine Nachmittage auf Spielplätzen. Mit Thermoskanne, Feuchttüchern und der stillen Hoffnung, dass mein Kind heute bitte einfach einmal nicht schaukeln will, bis ihm schlecht wird. Aber statt Entspannung bekam ich: Sozialstudien. Denn Spielplatz ist nicht gleich Spielplatz. Und Mama ist nicht gleich Mama.

Da gab es zum Beispiel die Nachzügler-Mamas. So Anfang 40, Baby an der Brust, Latte macchiato in der Thermosflasche. Sie redeten mit ihren Kindern, als wären es 50-jährige Yogalehrer: „Spür doch mal, was der Sand mit dir macht.“ Und das Kind: wirft Sand. Dann waren da die Naturpädagogik-Extremistinnen. Ihre Kinder durften barfuß im November – „weil Erdung“. Die Klamotten waren Bio, die Gesichter nicht gewaschen, aber leuchtend vor Lebensfreude (und Matsch).

Eine Situation werde ich nie vergessen. Meine Tochter hatte das Mädchen eingeladen – und ich schwöre, sie war so dreckig, dass unser Fußabtreter einen Nervenzusammenbruch bekam. Ich dachte kurz, das Kind ist aus einem Survival-Camp ausgebüxt. Meine erste Reaktion: Dusche. Jetzt. Komplett. Mit Schlauch, wenn nötig.

Ich fragte die Mutter höflich, ob sie ihre Tochter kurz abduschen könnte. Sie nickte verständnisvoll, zog das Kind aus und stellte es unter die Dusche. Ich sagte freundlich: „Wir hätten auch Duschcremes – mit Erdbeergeruch zum Beispiel.“ Keine Reaktion. Ich wiederholte es – nichts. Beim dritten Mal kam doch eine Antwort: „So was nehmen wir grundsätzlich nicht. Mit Wasser geht’s auch.“ Ich lächelte, nickte – und zog vermutlich eine Miene, als hätte sie mir gerade gestanden, dass sie noch nie eine Waschmaschine benutzt hat und ihre Wäsche stattdessen jeden Neumond im Bach ausklopft.

Und dann gab es noch die Porzellan-Kind-Mütter. Deren Kinder durfte man nicht anschauen, nicht zu nah an ihnen schaukeln, in ihrer Nähe nicht mit zu spitzen Schaufeln buddeln. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das mit meiner Tochter leicht mit der Schulter zusammenstieß – die Mutter kam angerannt wie beim 100-Meter-Finale: „Amelie, hast du dir wehgetan?!“ Das Kind hatte nichts. Nicht mal einen Kratzer. Aber ich bekam ein Schuldgefühl, als hätte meine Tochter ihr die Rippen gebrochen.

Natürlich gab es auch uns: die Spielplatz-Schulterzuckerinnen. Die mit Sonnenbrille auf der Bank saßen, ein bisschen müde, ein bisschen stolz. Die kurz „Oh, nicht schubsen, Schatz!“ riefen – und sich dann wieder der Breze widmeten. Die wussten: Kinder überleben das. Und Mamas auch. Jetzt, wo meine Kinder älter sind, laufe ich manchmal an diesen Spielplätzen vorbei. Ich höre den Sand knirschen, das Quietschen der Schaukel, das berühmte „Julius, NICHT in den Mund nehmen!“ – und lächle. Ich vermisse es nicht. Aber ich erinnere mich. Vor allem an das Mädchen, das nach Wasser und Waldboden roch. Und dass ich damals dachte: Erdbeer-Duschgel ist vielleicht kein Erziehungsstil – aber ein guter Anfang. Oder?

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