Manchmal, wenn man Glück hat, treffen bayerische Postkartenidylle und bayrisches Heimatgefühl wunderbar zusammen. Oftmals dann, wenn man es gar nicht unbedingt erwartet. So neulich, als ich mit meinem Sohn nach langer Pause wieder einmal eine Bergtour unternahm – an einem Samstag, weil er zum arbeitenden Teil der Bevölkerung gehört. Gesucht war ein Gipfel, der von München aus schnell zu erreichen ist, aber weder Lift noch bewirtschaftete Alm aufweist, was den Andrang schon einmal in Grenzen hält. Der Hitze wegen sollte es außerdem ein Nordanstieg sein. Die Wahl fiel auf den Hohen Fricken im Estergebirge. Dort herrscht zwar, wenn man nicht früh genug aufsteht, bis zu den Kuhfluchtwasserfällen reger Betrieb. Doch wenn nach kurzem Marsch am letzten Aussichtspunkt der Weg zum Steig wird, ist man schnell allein.
Den Gipfel für uns zu haben, war uns am Wochenende nicht vergönnt, aber es gibt dort droben so viel Platz, dass jeder ein ruhiges Fleckerl fand. Kaum hatten wir uns niedergelassen, wurden wir begrüßt: Vom Wank schallten Alphornklänge herüber.
Die Wirkung war nicht zu vergleichen mit konzertanten Aufführungen in Turnhallen oder Konzertsälen. Hier waren die imposanten Instrumente in der Umgebung zu hören, für die sie gebaut sind: In einer Bergwelt, die ihrem unverwechselbaren Klang Raum gibt, sich zu entfalten. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Vorläufer des Alphorns den Hirten einst dazu dienten, über die Täler hinweg Kontakt zu halten. Wie passend, dass unser Blick währenddessen von der imposanten Zugspitze zur Rechten über die Stubaier Alpen im Süden bis ins Karwendel schweifte und sich von Landesgrenzen ebenso wenig aufhalten ließ wie die Klänge vom Wank. Das Alphorn ist schließlich in Bayern und Österreich gleichermaßen daheim.
Erst als die Instrumente verstummten, fiel mir auf, dass während des Konzerts die Kuhglocken auf den Almwiesen unter uns geschwiegen hatten. Nun rätsle ich: War das Zufall? Hatten die Alphornbläser die Zeit abgewartet, in der die Kühe sich zum Wiederkäuen niederlegen und Ruhe einkehrt? Oder hatten die Rindviecher beim Grasen eine Pause eingelegt, um andächtig der Musik zu lauschen? Unmöglich scheint das nicht: Kühe sollen ja durchaus musikalisch sein und sich beispielsweise von Mozart-Klängen zu gesteigerter Milchproduktion anregen lassen.
Ich werde das Rätsel wohl nie lösen. Nur eines weiß ich gewiss: Wenn beim nächsten Jazzkonzert in einem Saal mit Tischbestuhlung zweibeinige Rindviecher unverdrossen gegen noch so gute Musik anbrüllen, werde ich mir an ihrer statt die vierbeinigen herbeisehnen.