MÜNCHNER FREIHEIT

Wer sein Tretlager liebt, der brüllt

von Redaktion

Wer sich ein E-Bike für ein paar tausend Euro kauft, muss natürlich auch über eine Diebstahlsicherung nachdenken. Früher hängte man sich dafür einfach eine tonnenschwere Eisenkette an den Rahmen und hoffte auf einen Dieb mit schlechtem Werkzeug. Heute gibt es dafür die KI. Ich spreche von diesen neuen Fahrrädern mit eingebautem akustischem Abwehrsystem. Nicht etwa so ein stoßweises Hupen wie bei den Autosicherungen. Wird dieses Rad erschüttert, schreit es den Dieb an. Laut und mit einem Vokabular, das jeden US-Drill-Sergeant blass werden lässt. Schließlich will es möglichst viel Aufmerksamkeit heischen.

Die Idee klingt auf den ersten Blick ziemlich genial. Welcher Dieb nimmt schon ein Radl mit, das ununterbrochen „Hilfe, Entführung“ oder „Lass Deine Griffel von meinem Sattel, du miese Kanaille“, schreit? Das traumatisiert selbst die abgebrühtesten Langfinger! Aber dann war ich gestern bei uns am S-Bahnhof und habe versucht, mein normales Radl aus dem gut gefüllten Ständer zu ziehen. Das geht schlichtweg nicht, ohne die Nachbar-Zweiräder zu berühren. Was, wenn die jetzt unter Paranoia leiden und mich mit der Lautstärke eines startenden Kampfjets anplärren? Kann man den Besitzer solch eines brüllenden Drahtesels eigentlich wegen Verletzung der Menschenwürde verklagen? Oder noch schlimmer: Was, wenn ich mit der App nicht zurechtkomme (und ich komme mit einigen Apps nicht so wirklich zurecht) und mich mein eigenes Bike morgens um sieben Uhr wüst beschimpft? Da ist die ganze Nachbarschaft auf einen Schlag hellwach. Nur, weil sich mein Fahrrad gerade aufführt wie ein Banause. Oberpeinlich!

Dabei kann ich es auch ein bisschen verstehen: Man hat es heutzutage halt nicht leicht als hochentwickeltes Premium-Zweirad. Wer kann einem da verübeln, dass man pflichtbewusst in den Angriffsmodus geht? Wer sein Tretlager liebt, der brüllt eben! Es soll auch schon eine Weiterentwicklung dieser Diebstahlsicherung in Arbeit sein. Die smarten Radl sollen untereinander Steckbriefe der bekannten Diebesbanden-Mitglieder austauschen und über eine integrierte Gesichtserkennung den Kriminellen identifizieren können, bevor er seinen Bolzenschneider überhaupt auspacken kann. In Zusammenarbeit mit den Kollegen von den smarten Laternen soll dann das volle Scheinwerfer-Licht auf die unrasierte Visage des potenziellen Räubers gerichtet werden. Derweil wird über die eCall-Systeme der in der Nähe abgestellten Autos die Polizei verständigt. Vernetzung ist einfach alles!

Laut den Erhebungen der Münchner Polizei werden jedes Jahr mehr als 6500 Fahrräder im Stadtgebiet als gestohlen gemeldet. Die Dunkelziffer hinzugerechnet bedeutet dies für mich: Ich brauche dringend einen Gehörschutz! Sonst ist mit den neuen Diebstahlsicherungen ein halber Herzinfarkt gepaart mit einem Tinnitus vorprogrammiert.