MÜNCHNER FREIHEIT

Poschd aus dem Ländle

von Redaktion

Dies ist meine 903. Kolumne. Eigentlich wollte ich schon viel früher etwas über Bürokratie in Deutschland schreiben. Aber ich musste erst bei meiner Redaktion einen Antrag auf das Thema stellen, wie immer per Fax und in dreifacher Ausführung. Die Redaktion wiederum gab vier Gutachten in unterschiedlichen Bundesländern in Auftrag und schickte nach Rückkehr der redaktionseigenen Brieftauben schließlich einen Redakteur zur Schwiegermutter von… – Schmarrn! So arbeitet meine Redaktion natürlich nicht. Eine Behörde in einem mir sehr sympathischen Bundesland dagegen schon.

Aber ich sollte von vorne erzählen – und sicherheitshalber mit geänderten Namen. Also: Es begann damit, dass mein Freund Andi im Frühsommer sein Auto verlieh. Unsere gemeinsame Freundin Martina wollte nämlich eine Tante in Baden-Württemberg besuchen und hatte wenig Lust darauf, ein weiteres Mal in Ulm einen Anschlusszug zu verpassen und deshalb später den Betriebsschluss auf einem Bahnsteig in Wendlingen zu erleben, in der Hoffnung, dass wenigstens noch einer der lokalen Taxifahrer wach ist.

Wer viel Zug fährt, kann allerdings nicht wissen, dass im Schatten eines jeden schwäbischen Baumes eine Radarfalle wächst, bildlich gesprochen. Jedenfalls erhielt Andi ein paar Wochen nach Martinas Reise „Poschd aus dem Ländle“, also einen Brief von einem Landratsamt in Baden-Württemberg. Sein Auto sei zu schnell unterwegs gewesen.

Andi wurde zu einer Zeugenaussage aufgefordert, sprich: Er sollte den Namen der Fahrzeugführerin zur Zeit der Geschwindigkeitsübertretung nennen. Andi schrieb an die Behörde, die schrieb an Martina. Ob sie das gewesen sei? Martina schrieb zurück: Ja. Dann sandte die Behörde einen Bußgeldbescheid, per Einwurfeinschreiben. Viel Aufwand, der vor allem die Deutsche Post freuen dürfte. Das Porto summierte sich nämlich mittlerweile auf 6,15 Euro.

Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht um Raserei. Martina war nicht viel über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, sie bekommt keinen Punkt für ihr Vergehen. Sie ist sich ihrer Schuld bewusst und mit dem Bußgeld einverstanden. Wäre dem ersten Brief an Andi schon eine Zahlungsaufforderung beigefügt gewesen, hätte sie sofort überwiesen – und der Sachbearbeiter bei der Behörde hätte sich anderen schönen Dingen widmen können, alten Aufnahmen des famosen schwäbischen Kabarettisten Uli Keuler zum Beispiel oder der Kehrwoch‘. Aber so rauschte er natürlich in die Überstunden.

Martina läuft inzwischen mit einem Lackstift durch München. Und immer, wenn sie ein ovaler gelber Aufkleber fragt, ob sie denn schon mal in Baden-Württemberg gewesen sei, kritzelt sie darunter: „Ja. War aber irgendwie blöd.“