„Das Einzige, was hier im Eck neu aufmacht, das sind Cafés und Trachtenläden.“ So sagt es die Andrea, die mitten im Gärtnerplatzviertel wohnt und trotzdem keine Tracht trägt. Alle andern offenbar schon. „Überall stehen da so Ausdrücke wie Heimatlust, Heimatglück und Heimatschlumpfigkeit!“ Ansonsten herrscht in München aber auch Heimatangst. Man merkt es an den rituell vorgetragenen Fragen: Ist es auf der Wiesn noch so schön, wie es angeblich war? Ist die Hendlreschheit noch gewährleistet? Oder die Schunkelkompatibilität? Und wie steht es um die Einschenk-Ethik?
Die Andrea hingegen beklagt ihren ganz persönlichen Heimatverlust, denn das notorische „Früher war es schöner“ bezieht sie nur auf die Herzkasperljahre auf der „Oiden Wiesn“. Dort hat es über eine viel zu kurze Phase einen wurlenden Heimathafen für Münchner Gspinnerte gegeben: das Herzkasperlzelt, benannt nach einer Bühnenfigur des Schauspielers Jörg Hube. Zu hören war dort ein lebenslustiges Durcheinander aus bairischem Hip-Hop, Akkordeon-Techno, japanischem Landler und auch sehr viel klassischer Blasmusik. Bei diesem unverhofften Festival sind viele skurrile Ideen und nährstoffreiche Allianzen entstanden, was sich für Münchner Bands und Bühnen bis heute positiv auswirkt. Es war nur ein kleines Eckerl in dem ganzen Wiesnwahnsinnsareal, aber ein bissl freundlicher und weniger abgefeimt.
Seit 2024 hat der Herzkasperl aber keinen Ort mehr. Die „Oide Wiesn“ gibt es zwar noch, und im Traditionszelt hat man schön viel Platz für Volkstanz, aber die „Boandlkramerei“, wo vereinzelte Herzkasperl-Künstler (möglichst ohne E-Gitarre) im Programm stehen, ist der Andrea viel zu „gaudiburschig und heimatschlumpfig“. Wer da was im Genehmigungsdschungel versemmelt hat, ob die Stadt, die Lederhosen-Taliban oder der Betreiber, sollen ihretwegen eines Tages die Volkskundler ermitteln. Der Andrea jedenfalls fehlt ihr Zelt seit der Versemmelung gehörig, und tatsächlich könnte das kulturell stark niedergesparte München die so achtlos abgesägte Kurzzeitheimat für seine kreative Bagage wieder ganz gut gebrauchen. Derweil bleibt die Andrea übrigens zur Wiesnzeit lieber daheim. „Mehr Heimat geht ja eh nicht.“
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