MÜNCHNER FREIHEIT
Ein bissl Wiesn geht immer
Mit der Wiesn bin ich fertig für dieses Jahr. Dabei ist gerade mal die Hälfte rum. Aber in dieser Zeit habe ich es geschafft, alles Schöne an der Wiesn auszulassen, den Wiesn-Besuch nämlich – und stattdessen massiv unter den Nebenwirkungen zu leiden. Zum Beispiel läuft meine Nase seit Mittwoch. So würden es Frauen beschreiben. Männer dagegen sagen in meiner Situation: „Wiesn-Grippe! Ich hoffe, ich überleb’s.“ So oder so ist es eine Frechheit. Für eine Wiesn-Grippe (respektive ein Wiesn-Niesen) reicht es im Jahr 2026 scheinbar, wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, der den Trachtenumzug im Fernsehen angesehen hat. Ich frage mich nur, ob das weltweit funktioniert.
Anderes Beispiel: Wer viel durch München radelt, fährt sich halt ab und zu einen Platten. Da kann die Münchner Straßenreinigung noch so aufmerksam sein, das passiert einfach. Interessant aber ist, dass sich die Fahrradplatten bei mir immer Ende September ballen. So auch vergangene Woche. Warum? – Weil die Wiesn-Besucher gerne vorglühen oder sich – noch gefährlicher – eine Heimweg-Halbe auf die Hand mitnehmen. Irgendwem fällt irgendwann eine Flasche runter. Es gibt Scherben. Und Scherben bringen Glück, also zumindest dem Betreiber des kleinen Fahrradladens am Eck, der mir immer zur Wiesn-Zeit Flickzeug, Schläuche oder Fahrradmäntel verkauft. Eigentlich ist das nur fair: Wenn schon der Wahnsinn ausbricht in unserer Stadt, dann sollten alle davon profitieren.
Dieses Prinzip funktioniert ganz gut. Wiesnbedingt decken sich die Münchner ja nicht nur mit Fahrradschläuchen ein. Auch die Apotheken steigern ihren Umsatz, weil Kopfschmerztabletten gefragt sind wie nie. Die Parkraumüberwachung verteilt mehr Knöllchen als sonst, weil die Vielseitigkeit und die Beschilderung des Münchner Parkraums einen jeden Auswärtigen überfordern. Und der kleine Laden, der sich auf Socken spezialisiert hat, sattelt einfach für zwei Wochen um auf Trachtenstrümpfe. Er verleiht sie zwar nur, aber das bringt trotzdem deutlich mehr Geld. Ein bissl Wiesn geht immer.
Eigentlich müsste man die Frage andersherum stellen: Welcher Münchner verdient eigentlich nicht an der Wiesn? – Freilich: Es gibt Berufsgruppen, da wird während der Wiesn die Arbeit mehr, der Verdienst aber nicht, in der Krankenpflege etwa oder bei der Polizei. Bis vor etwa zwei Stunden hatte die diesjährige Wiesn auch für mich überhaupt keinen Mehrwert (Schnupfen und platte Reifen gelten da nicht). Aber dann schrieb ich diesen Text, und der wird bezahlt. Also bin auch ich jetzt ein Wiesn-Profiteur. Ein echter Münchner halt!