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INTERVIEW

„Hetze ist keine Meinung“

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch über bedrohtes jüdisches Leben

Charlotte Knobloch (93) und ihr Hund Ruben (4) vor der Synagoge. © A. Schmidhuber

Sie wird bewundert – und sie wird bedroht: Charlotte Knobloch (93), Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat in ihrem Leben unzählige Morddrohungen bekommen. Dass Unbekannte Anfang September auf einer Parkbank im Englischen Garten eine Todesdrohung hinterließen, ging bundesweit durch die Medien. Im Interview mit unserer Zeitung spricht sie jetzt über die Situation der Juden in Deutschland – und darüber, warum ihr ausgerechnet eine Motorradgruppe Hoffnung macht, die sich als links versteht.

Was sagen Sie zu dem Vorfall in der Ratsboxe im Schottenhamel-Zelt, wo Gäste am Tisch der Linkspartei anti-israelisch hetzten, den FDP-Politiker Jörg Hoffmann watschten und beleidigten?

Ich finde den Vorfall ungeheuerlich, die Provokation und auch den Übergriff. Mein aufrichtiger Dank gilt Herrn Prof. Hoffmann und auch dem Wirt, die sich hier klar und richtig positioniert haben. Man kann politisch immer unterschiedlicher Meinung sein, aber es ist genau dieser Hass gegen den jüdischen Staat und diese Aggression, die für Angst und Unsicherheit bei jüdischen Menschen sorgen. Und leider gibt es eben nicht immer einen nichtjüdischen Freund, der dann auch aufsteht und die Grenzen aufzeigt.

Hat sich das jüdische Alltagsleben in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Ja, es hat sich absolut geändert. Wir hatten mal eine Zeit, in der jüdische Menschen wirklich frei leben konnten. Heutzutage herrscht bei vielen eine Angst, besonders, wenn sie Kinder haben. Wir sehen schon wieder gewisse Entwicklungen, die an die Vergangenheit erinnern, an die Zeit Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre. Wer die „Jüdische Allgemeine“ abonniert hat, lässt sie sich vorsichtshalber im neutralen Umschlag liefern. Sogar im öffentlich-rechtlichen Programm gibt es immer wieder Sätze oder Halbsätze, von denen man sich als jüdischer Mensch sehr betroffen fühlt. Mit sachlicher Kritik an Israel hat man kein Problem. Aber auf Hass kann man schwer antworten. Und Hetze ist keine politische Meinung.

Wie ist die Lage der jüdischen Menschen in München, auch im Vergleich zu Berlin?

Gott sei Dank sind wir in München weit besser geschützt als in Berlin. Ich hoffe, das bleibt so. Debatten mit jüdischem Bezug werden hier nicht ganz so heftig von Hass begleitet oder von Halbwahrheiten. Aber Kritik wird heute grundsätzlich sehr scharf formuliert, auch und gerade, wenn es um Judentum oder Israel geht.

Wie schützen Sie sich?

In meiner Position ist es manchmal wichtig, nicht jeden Brief zu öffnen. Ich will mich nicht ständig ärgern.

Wie viele Hass-Briefe bekommen Sie denn?

Das Jahr ist ausgefüllt. Es gibt Wellen etwa bei politischen Ereignissen – die Leute nutzen diese aber auch als Anlass. Das Thema Judentum hat sich zugespitzt, auch in Briefen oder E-Mails an mich. In der Form kannte ich das früher nicht.

Können jüdische Menschen hier noch selbstverständlich leben?

Nach außen ist es selbstverständlich, nach innen leider auf keinen Fall. Manche lassen sich nicht so beeindrucken, andere dagegen werden unruhig und überlegen schon, ob sie sich perspektivisch eine andere Heimat suchen.

Was machen die Münchner richtig? Beispielsweise die Lichterketten Anfang 2015?

Das war damals eine hervorragende Aktion. Aber heute reichen Lichterketten nicht mehr.

Was bräuchte es? Sind die Münchner abgestumpft?

Abgestumpft ist niemand, aber echtes positives Interesse muss man auch suchen. Aber es gibt Initiativen, die Hoffnung schenken. So kommt an unserem höchsten Feiertag Jom Kippur seit einigen Jahren der Motorradclub „Kuhle Wampe“ zur Hauptsynagoge, um uns symbolisch zu schützen.

Bald jährt sich der Terroranschlag vom 7. Oktober zum dritten Mal. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Das war eine so furchtbare Zeit. Man hat sich dieses Pogroms nicht ausmalen können. Ebensowenig kann man sich vorstellen, wie die Überlebenden der Massaker vom 7. Oktober mit dem, was sie erlebt haben, weiterleben. Heuer organisieren wir eine Gedenkveranstaltung mit Dafna Gerstner, der einzigen deutschen Überlebenden des Hamas-Massakers. Zu verhindern, dass sich so ein Pogrom wiederholt, geht nur, wenn wir die Jugend erreichen. Es gibt Schnittpunkte zum Holocaust. Es ist wichtig, dass sich die Jugendlichen fragen: Wie konnte das passieren?

Erinnern Sie sich an den 9. November 1938?

Diese sogenannte Reichskristallnacht war für mich der Moment, da das Tor nach Auschwitz aufgestoßen wurde. Ich war in München an Vaters Hand unterwegs. Gerade sechs geworden. Ich habe die brennende Synagoge gesehen, die zersplitterten Scheiben vom Kaufhaus Uhlfelder. Das kann man nicht vergessen.

INTERVIEW: SUSANNE SASSE

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Freitag, 2. Oktober 2026
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