Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der IS auch seine letzte große Bastion Rakka verliert. Das gefürchtete Kalifat mag dann, zumindest territorial, endgültig Geschichte sein. Für die Menschen, die so lange unter den Islamisten litten, ist die Nachricht aber nur zur Hälfte gut. Denn auch nach der Befreiung werden sie die wehrlosen Opfer eines von unzähligen Parteien geführten Krieges bleiben. Ohne reelle Aussicht auf Frieden. Gefangen hinter der geschlossenen Grenze zur Türkei.
Nach sechs Jahren Krieg ist nichts besser geworden in Syrien. Während der IS umfällt, stehen – wie in der Stadt Idlib – die alten Garden von El Kaida wieder auf. Die gemäßigten Kräfte unter den Aufständischen haben kaum noch nennbaren Einfluss. Es gibt weder einen Nachkriegsplan noch eine einigermaßen homogene Opposition, die das Land in eine friedliche Zukunft führen könnte. Im Gegenteil: Das auf fremdem Boden ausgetragene Kräftemessen zwischen den USA und Russland und ihren Verbündeten wird weitergehen. Und es steht zu befürchten, dass die Bombardements, bei denen hunderte Zivilisten sterben, radikalen Kräften Auftrieb geben.
Es bleibt die Hoffnung auf kleine Schritte. Würden sich Amerikaner und Russen dazu durchringen, den in Rakka verbarrikadierten Zivilisten Fluchtwege zu ermöglichen, wäre das zumindest ein Zeichen der Humanität. Aber die scheint aus Syrien vollends verschwunden zu sein.
Marcus Mäckler
Sie erreichen den Autor unter
Marcus.Maeckler@ovb.net