Migration

Straßenschlachten verstören Rom

von Redaktion

von Ingo-Michael Feth

Rom – Die Piazza dell’ Indipendenza gilt trotz ihrer unmittelbaren Nähe zum römischen Zentralbahnhof, der monumentalen Stazione Termini, als eher ruhige Gegend. In den Seitenstraßen finden sich diplomatische Vertretungen, nur wenige Blocks entfernt das Finanzministerium. Umso verstörender waren die Szenen, die sich unmittelbar unter den Fenstern der Deutschen Botschaft abspielten: Wilde Straßenschlachten zwischen mehreren hundert schwarzafrikanischen Asylbewerbern und italienischen Sicherheitskräften verwandelten den Platz mit seinen Grünanlagen in eine Trümmerwüste.

Am Tag danach sind die Straßenzüge übersät mit Glassplittern, zerborstenen Müllsäcken, Matratzen, Gasflaschen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Gegenständen; an manchen Ecken glimmen Feuer. Von der Fassade eines Gebäudes hängt ein zerfetztes Transparent mit der Aufschrift: „Wir sind Flüchtlinge, keine Terroristen“. Öffentlichkeit und Medien sind verstört: Wie konnten sich mitten in Rom, unter den Augen von Passanten, Touristen und Anwohnern, derartige Spannungen entladen?

Vor ein paar Jahren okkupierten Flüchtlinge aus dem ostafrikanischen Eritrea ein leer stehendes Bürogebäude auf dem Platz als Notunterkunft. Ein Provisorium, da sämtliche anderen kommunalen und kirchlichen Unterkünfte aus allen Nähten platzten. Der Flüchtlingsstrom übers Mittelmeer war auf seinem Höhepunkt. Die Gemeinschaft der Eritreer und Äthiopier wuchs schnell auf rund 800 Personen an. Sie versorgten sich selbst als „autonome Kommune“; Fremden, darunter auch Vertretern von Stadt und Polizei, wurde der Zutritt verwehrt.

Die Behörden ließen die Bewohner gewähren. Es war die Zeit der Willkommenskultur, Konflikte wollte man unbedingt vermeiden – selbst um den Preis der Duldung rechtsfreier Räume. Der moralische Druck, der seitens des Vatikans auf der Politik lagerte, tat sein Übriges. Vier Jahre ließ man den Zustand vor sich hin gären, die Sicherheitskräfte hielten sich zurück.

Erst jetzt, nachdem die Regierung in Rom unter Premier Paolo Gentiloni einen radikalen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik vollzogen hat, sah sich auch die Stadtverwaltung ermutigt, der Hausbesetzung ein Ende zu setzen. Die hygienischen Zustände seien unhaltbar, offene Gaskocher und Feuer stellten eine Gefahr für das ganze Viertel dar, argumentierten die Behörden. Die Migranten sollten in neue Unterkünfte am Stadtrand umziehen. Doch die weigerten sich und verschanzten sich in dem Gebäude; die Gewalt eskalierte. Mit Wasserwerfern und Tränengas gingen die Sicherheitskräfte gegen den harten Kern der Bewohner, vornehmlich junge Männer, und deren Sympathisanten aus der linken Szene vor. Diese attackierten die Polizei mit Pflastersteinen, Brandsätzen und geöffneten Gasflaschen. Dass es in dieser Situation keine Toten gab, grenzt an ein Wunder.

In der Politik setzen nun die Schuldzuweisungen ein. Italiens Polizeipräsident Franco Gabrielli, vormals Präfekt von Rom, wirft Grillini-Bürgermeisterin Virginia Raggi vor, die Brisanz der Situation verschlafen zu haben; die Drecksarbeit wolle sie nun der Polizei überlassen.

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