Syrien-Krieg

Tödliche Fallen

von Redaktion

Von Jan Kuhlmann und Marcus Mäckler

Idlib – Die neuen Herrscher machen schnell klar, wer hier das Sagen hat. An den Zufahrtsstraßen zur Stadt Idlib haben Kämpfer des syrischen El-Kaida-Ablegers Posten errichtet, um den Verkehr zu kontrollieren. Schwer bewaffnete Männer mit ernsten Gesichtern prüfen Taschen und Mobiltelefone: „Wo kommst Du her? Warum willst Du in die Stadt?“ Nur wenn die Antwort sie zufriedenstellt, darf man passieren.

Die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt ist nach mehr als sechs Jahren Bürgerkrieg das einzige Gouvernement, das noch vollständig von Regierungsgegnern beherrscht wird. Bis vor wenigen Wochen teilten sich mehrere Rebellengruppen die Macht. Doch Ende Juli übernahm der El-Kaida-Ableger Haiat Tahrir al-Scham (HTS) die Provinz – ein Erfolg mit weitreichenden Folgen.

Moderatere Gruppen spielen im Bürgerkrieg kaum mehr eine Rolle. In Idlib gebe es keine Rebelleneinheit mehr, die den Extremisten die Stirn bieten könne, sagt Faris al-Bajusch, Ex-Kommandeur der Freien Armee Idlibs. Auch der in Beirut ansässige Syrien-Experte Sam Heller sieht den El-Kaida-Ableger, der früher Al-Nusra-Front hieß, als „unangefochtenen Hegemon“ der Provinz: Andere Gruppen hätten „keine andere Chance, als auf den Zug aufzuspringen“.

Al-Bajusch machte für die Entwicklung die Konkurrenz zwischen den vielen Rebelleneinheiten verantwortlich, die sich nie auf eine einheitliche Führung einigen konnten. Aber auch vom Ausland, nicht zuletzt von den USA und vom Westen, fühlt sich der Ex-Rebellen-Kommandeur im Stich gelassen. „Die Machtübernahme von HTS geschah unter den Augen der internationalen Gemeinschaft“, klagt er. „Sie hat keinen Finger gerührt.“ Hilfe von außen gebe es für die Rebellen kaum.

Idlibs Einwohner sorgen sich. Es gibt unterschiedliche Berichte darüber, wie stark El-Kaida ihre radikale Lesart des Islams durchsetzt. Ein Aktivist aus dem Ort Kurin erzählt, die Extremisten kontrollierten Straßen und konfiszierten Tabak. „Das Leben ist jetzt sehr ähnlich dem Leben in Afghanistan unter den Taliban.“ In der Stadt Idlib aber sind Frauen ohne Gesichtsschleier weiter auf der Straße zu sehen. Auch Zigaretten, bei der Konkurrenz vom IS verboten, werden offen verkauft.

Angst bereiten den Menschen auch mögliche Luftangriffe der USA und Russlands, die die Dschihadisten bekämpfen. Offiziell hat sich HTS zwar von El Kaida losgesagt – doch an ein tatsächliches Ende der Partnerschaft glaubt kaum jemand.

Der Provinz könnte auch eine Regierungsoffensive drohen, für all jene ein Albtraum, die vor Präsident Baschar al-Assad hierher geflohen sind. Der Englisch-Lehrer Abdulkafi al-Hamdo gehört zu denjenigen, für die Idlib zur Endstation geworden ist, weil auch die Türkei die Grenze geschlossen hat. „Die Menschen können nirgendwo mehr hin“, sagt al-Hamdo. „Sie können nur sterben oder sich dem Regime ergeben.“

Was Idlib eventuell bevorsteht, ist in Rakka längst Realität. Die Vereinten Nationen schätzen, dass sich noch rund 25 000 Menschen in der IS-Hochburg aufhalten. „Sie sind in einem tödlichen Labyrinth gefangen“, sagt die Krisenbeauftragte von Amnesty International, Donatella Rovera. „Sie werden von allen Seiten beschossen.“

Allein seit Anfang vergangener Woche sind laut einem Amnesty-Bericht bei Luftangriffen der US-geführten Militärkoalition auf den IS 170 Zivilisten getötet worden, darunter viele Kinder. Die Russen, die die Regierungstruppen Assads unterstützen, sollen weiter südlich Streubomben auf Zivilisten abgeworfen haben.

Weil der IS das Gebiet rund um die Stadt mit Landminen und Streubomben unpassierbar gemacht hat, ist eine Flucht nur noch per Boot über den Euphrat möglich. Menschen, die das versucht haben, berichten, dass ihre Boote beschossen wurden, weil die US-Koalition sie für Waffentransporte des IS hielt. Die Zivilisten müssen also in der Stadt bleiben, wo sie die Dschihadisten als Schutzschilde gegen Luftangriffe und Artilleriebeschuss missbrauchen.

In Idlib ist es noch vergleichsweise ruhig, die Hilfsorganisationen sind aber alarmiert. Mit der Provinz hat El Kaida zugleich einen Teil der Grenze zur Türkei und den Grenzübergang Bab al-Hawa übernommen – und streicht die Zolleinnahmen ein. Über Bab al-Hawa kommen aber auch Hilfslieferungen, auf die Idlib dringend angewiesen ist. Fast eine Million Flüchtlinge haben dort laut UN Zuflucht gefunden, von denen viele in Lagern ausharren. 1,3 Millionen von zwei Millionen Menschen in der Provinz sind auf Hilfe angewiesen.

Bislang können die Hilfsorganisationen offenbar ungestört weiterarbeiten. Lebensmittel und Medikamente kämen nach wie vor über die Grenze, heißt es. Doch Geldgeber im Westen befürchten, dass ihre Hilfe den Anhängern der Terrororganisation zugute kommen könnte. Berlin finanziert humanitäre Hilfe weiter. Andere Projekte, die zivile Strukturen stärken und die Basisversorgung mit Strom und Wasser gewährleisten sollen, sind laut Auswärtigem Amt „vorerst suspendiert“.

„Wir achten peinlich darauf, keinen Kontakt mit HTS zu haben“, sagt der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. „Von Seiten der Geldgeber gibt es viel Druck. Sie haben klargemacht, dass jeder Kontakt mit HTS einen sofortigen Stopp jeglicher Unterstützung bedeutet.“ Dessen sei sich auch El Kaida bewusst. Die Extremisten wissen also: Sollten sie ihre Macht offen und allzu dominant ausüben, droht ein Stopp aller Hilfslieferungen und damit eine humanitäre Katastrophe.

Zuletzt gab es intensive diplomatische Kontakte zwischen den wichtigsten ausländischen Akteuren in Syrien: der Türkei, dem Iran, Russland, den USA. Dabei wird es auch um Idlib gegangen sein. „Es gibt verschiedene Szenarien“, sagt ein Mitarbeiter einer anderen westlichen Hilfsorganisation. „Es ist jetzt ein politisches Spiel. Und der größte Verlierer werden die schutzlosen Zivilisten sein.“

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