„Die EU braucht einen Afrika-Kommissar“

von Redaktion

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sieht in der Sicherung von Europas Grenzen nur einen Teil der Lösung

München – Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will Afrika langfristig stärken. Unserer Zeitung sagt er, wie.

-Europa setzt immer deutlicher auf Abschottung. Die richtige Politik?

Die Sicherung der Außengrenzen muss einhergehen mit der Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern. Mit dem Aufbau von Ausbildungsstrukturen, Beschäftigungsmöglichkeiten und Energieprogrammen.

-Es scheint aber, als hoffe Europa vor allem, dass Libyen die Migranten vom Mittelmeer fernhält. Wie beurteilen Sie die Lage in den dortigen Camps?

Wir arbeiten über Unicef an der Schaffung von humanitären Grundstandards in den Camps. Seit zwei Jahren fordere ich eine Ausweitung der UN-Mission auf die Lager. Die Initiative müsste aber der Außenminister ergreifen.

-Was tun Sie als Entwicklungsminister?

Hunderttausende Flüchtlinge in diesen Lagern haben keine Umkehr-Chance. Sie müssen deshalb übers Mittelmeer. Wir bieten ihnen Rückkehrmöglichkeiten in ihre Heimat an. Wir integrieren Rückkehrer in Beschäftigungsprogramme in ihren Herkunftsländern. Übrigens auch Rückkehrer aus Deutschland. Keiner muss als Verlierer nach Hause zurück.

-Noch besser wäre es, wenn die Menschen gar nicht erst nach Europa aufbrechen.

Die Spannungsfelder in Afrika – Kriege, Dürre – haben mächtige innerafrikanische Fluchtbewegungen ausgelöst. Fast eine Million Flüchtlinge aus dem Südsudan sind in den vergangenen sechs Monaten in Uganda angekommen. 90 Prozent aller afrikanischen Flüchtlinge fliehen in ein Nachbarland – nicht nach Europa. Dort liegt der Problemdruck. Was tun wir für Uganda? Welche Beziehung bauen wir wirtschaftlich zu Nigeria auf?

-Also ist die Sicherung der Grenzen alleine keine langfristige Lösung?

Einzelmaßnahmen sind kurzfristig wichtig, um die zu stoppen, die sich auf dem Weg nach Europa befinden. Mittel- und langfristig brauchen wir aber eine neue Partnerschaft zwischen Europa und Afrika. Die Bevölkerung Afrikas wächst jährlich um 50 Millionen. Jedes Jahr kommen 20 Millionen Jugendliche auf den Arbeitsmarkt, die keinen Arbeitsplatz haben, dazu kommt der Klimadruck. Hier muss die Antwort gegeben werden, sonst kommt es zu einer neuen Völkerwanderung. Wir könnten die Probleme lösen. Wir haben das Wissen, wir haben die Innovation, wir haben die Technik. Zudem lägen darin riesige Chancen für europäische Unternehmen. Aber wir schauen nur zu. Wenn dabei Menschen verhungern, ist das Mord.

-Ist die Bevölkerungsentwicklung in Afrika beeinflussbar?

In Tunesien oder in Ghana hat sich die Geburtenrate in den letzten zehn Jahren halbiert. Der Schlüssel dazu ist Bildung. Wir müssen eine Bildungsrevolution für die Kinder Afrikas auslösen, die Frauen stärken und die Familienplanung.

-Kann Deutschland das alles denn leisten?

Natürlich nicht alleine. Diese Thematik muss ein Schwerpunkt der EU werden. Die Afrikaner müssen auch politisch gestärkt werden. Sie müssen am UN-Sicherheitsrat beteiligt werden. Zudem brauchen wir einen Afrika-Kommissar der Europäischen Union.

Zusammengefasst von Sebastian Horsch

Artikel 8 von 11