Merkels jährliche Pressekonferenz

Ganz die Alte

von Redaktion

Ein Mal im Jahr setzt sich die Bundeskanzlerin in ihre Limousine und fährt über die Spreebrücke zur Bundespressekonferenz. Fahrzeit: eine Minute. Dann wird den Journalisten und mit ihnen dem ganzen Land wieder klar, wie diese Bundeskanzlerin funktioniert. Eineinhalb Stunden steuerte sie durch eine enorme Bandbreite an Themen: konzentriert, kenntnisreich, gelegentlich mit einer Prise Humor, meistens knochentrocken. Sie ist damit nicht nur der Gegenentwurf zu den Trumps, Erdogans und Putins – sondern auch zu den schillernden Jungstars Macron oder Kurz, deren Halbwertszeit noch nicht einzuschätzen ist.

Selbstverständlich ist das nicht. Rückblick: Zwei Jahre ist es her, dass Merkel an gleicher Stelle mit ihrem „Wir schaffen das“ jenes Bild der Stabilität ins Wanken brachte, das die Deutschen von ihr gewonnen hatten. In der Folge geriet nicht nur die Kanzlerin ins Straucheln, sondern mit ihr gleich die ganze EU. 2016 dann wurde die Runde von den Anschlägen in Würzburg und Ansbach sowie dem Amoklauf von München überschattet – die Kanzlerin präsentierte ein Maßnahmenpaket gegen die Verunsicherung.

Angesichts dieser Vorgeschichte erstaunt es, wie nah die Angela Merkel des Jahres 2017 wieder der scheinbar unantastbaren des Jahres 2013 kommt. Alles scheint Routine. Dabei gäbe es offene Flanken – die aus Steuermitteln bezuschussten Flüge zu Wahlkampfauftritten, die „Nebenjobs“ von Mitarbeitern im Kanzleramt für die CDU, das dominante Auftreten, als die Regeln des TV-Duells bestimmt wurden. Doch kritische Fragen lässt Merkel abtropfen. Sie hat Wichtigeres zu tun. Weltpolitik. Und nebenbei ein wenig Wahlkampf, den sie „spannend“ findet. Doch wer ihr zuhört, ahnt: Den 24. 9. 2017 will sie in der Bilanz ihrer Regierungszeit einmal als Fußnote betrachten.

Mike Schier

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