München – Da hat einer seinen inneren Frieden wiedergefunden. Zweieinhalb Monate nach dem Tod des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl sitzt sein Sohn Walter ziemlich entspannt im Mainzer Fernsehstudio und gibt in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ Einblick in sein aktuelles Seelenleben.
Noch sind die hochemotionalen Fernsehbilder des 54-Jährigen vor dem Elternhaus in Oggersheim vielen im Gedächtnis, als er vergeblich Einlass forderte, um den beiden ihn begleitenden Enkelkindern Johannes und Leyla zu ermöglichen, persönlich Abschied von ihrem verstorbenen Opa zu nehmen. Fassungslos und mit hochrotem Kopf trat der Sohn, der seinem Vater in Figur, Gestik und Sprache so sehr ähnelt, den Rückzug an. Das Fehlen der Söhne Walter und Peter bei den ausschließlich von der Witwe Maike-Kohl-Richter organisierten Trauerfeierlichkeiten in Straßburg und Speyer ließ für den Familienfrieden im Hause Kohl Schlimmes befürchten.
Angesichts der ins Kraut schießenden Spekulationen hat Kohls Sohn offenbar beschlossen, vor einer Fernsehkamera ein paar grundsätzliche Dinge klarzustellen. „Wir haben 2016 (…) auch auf Initiative meines Bruders hin eine juristische Klärung vom Landgericht Frankenthal erwirkt. Da ist alles geklärt. Das Thema Erbschaft in der Familie ist komplett erledigt.“
Mit zeitlichem Abstand hat der 54-Jährige auch ganz persönlich den Tod des Vaters, von dem er am Freitagnachmittag des 16. Juni im Autoradio erfahren musste, verarbeitet. Es seien schwierige Zeiten gewesen, aber nun gehe es ihm wieder gut, sagte er auf die Frage des Moderators. „Für mich ist wichtig, dass ich heute, zehn Wochen danach, sagen kann: Er ist tot, und dieser Tod ist ok.“ Er habe am Totenbett des Vaters in Liebe und Verbundenheit Abschied genommen und gesagt: „Papa, wir sehen uns dann irgendwo anders wieder.“
Sein Fernbleiben von der Beerdigung verteidigt er mit den Worten, seiner Ansicht nach hätte sein Vater nicht in Speyer, sondern im Familiengrab in Ludwigshafen neben seiner ersten Frau Hannelore beigesetzt werden sollen. Das Grab in Speyer, das derzeit von einem grünen Metallzaun eingegrenzt ist und mit einer Videokamera überwacht wird, bezeichnet er als „unwürdig“.
Noch innerlich bewegt, aber geistig schon fast abgeklärt, beschreibt der älteste Sohn das Verhältnis zu Maike Kohl-Richter: Ausgrenzen, abgrenzen, kontrollieren – das sei ihre Verhaltensweise. Doch jeder von ihnen habe seine eigene Familie und seine eigenen Vorstellungen vom Leben. „Wir haben bis auf zwei, drei Themen nichts mehr, was uns verbindet oder wo Berührungspunkte sind. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.“
Allerdings gibt es noch ein heikles Thema, das zum Reibepunkt zwischen Witwe und Söhnen werden könnte: der Umgang mit der politischen Hinterlassenschaft des Einheits-Kanzlers, seine Notizen und Dossiers. Er wünsche sich, „dass es eine Stiftung gibt, die – ganz wichtig – neutral, objektiv ist. Die außerhalb aller Familienmitglieder ist“, sagte Walter Kohl. Weder er, noch sein Bruder oder Maike Kohl-Richter sollten in dieser Stiftung eine Rolle spielen, „sie sollte an einem neutralen staatlichen Ort – Beispiel Bundesarchiv (…) – aufgehängt sein. Sie sollte von Fachleuten, von Historikern, von kompetenten, objektiven Menschen geleitet werden“, ergänzte er. Die komplette Dokumentation solle offen und öffentlich zur Verfügung stehen – so wie bei der früheren britischen Regierungschefin Margaret Thatcher. „Genau das wünsche ich mir für das Vermächtnis meines Vaters – und damit natürlich auch für das Vermächtnis meiner Mutter, denn ohne meine Mutter wäre mein Vater nie der geworden, der er ist“, sagte Walter Kohl. Das scheint den Plänen der Witwe diametral entgegenzustehen. Kohl-Richters Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner hatte bereits im Juni die Gründung einer eigenen Stiftung für den Nachlass angekündigt.
Auf ungeteilte Zustimmung dürfte dagegen in der gesamten Familie Kohl eine Entscheidung der rheinland-pfälzischen CDU-Fraktion stoßen: die Umbenennung ihres Sitzungssaals in „Helmut-Kohl-Saal“. Der Raum wurde gestern vom ehemaligen Generalvikar des Bistums Mainz, Dietmar Giebelmann, gesegnet, wie die Fraktion mitteilte. In der CDU-Landtagsfraktion habe Kohls „wegweisendes politisches Wirken seinen Anfang genommen“, begründete CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner die Ehrung. (mit dpa)