„Ich bin nicht benutzbar“

von Redaktion

Altkanzler Gerhard Schröder verteidigt Rosneft-Ambitionen – und rät Martin Schulz zum Angriff

Rotenburg – Gerhard Schröder eröffnet den Abend, wie man es von ihm gewohnt ist. Mit offenem Visier. Der Altkanzler weiß, dass der Saal des Diakonie-Krankenhauses in Rotenburg an der Wümme auch deshalb so voll ist, weil er wegen eines neuen Jobs in den Schlagzeilen ist.

Der 73-Jährige will in den Aufsichtsrat des weltgrößten Ölkonzerns Rosneft einziehen. Das russische Unternehmen, bei dem der Kreml den Ton angibt, steht wegen der russischen Krim-Annexion auf der EU-Sanktionsliste. In der SPD finden sie Schröders Ambitionen so überflüssig wie einen Kropf, für Union und Opposition sind sie ein gefundenes Fressen.

Die erste Frage, die aus dem Kreis der etwa 400 Gäste kommt, dreht sich aber um Fußball: Schafft Hannover 96 den Klassenerhalt? „Das ist sehr einfach zu beantworten und hat damit zutun, dass sie den richtigen Aufsichtsratsvorsitzenden ausgewählt haben“, antwortet Schröder, der mit aufgekrempelten Ärmeln in einem Ledersessel sitzt, und feixend in die Runde schaut.

Er spricht von sich selbst. Seit Ende 2016 steht er beim Fußball-Bundesligisten an der Spitze des Kontrollgremiums. Johlen im Saal, in dem es so heiß ist wie in einem russischen Dampfbad. Das Wort „Aufsichtsratsvorsitzender“ ist die beste Spieleröffnung für die Russland-Kontakte.

Der Genosse sieht sich völlig zu Unrecht am Pranger. „Ich werde das tun.“ Und die Vorhaltungen, es gehöre sich nicht für einen Altkanzler, bei einem Kreml-nahen Koloss anzuheuern? Kritik berühre ihn nur, wenn sie von Menschen komme, die ihm wichtig seien: „Der Mainstream war noch nie ein Gewässer, was mich besonders interessiert hat.“

Er wolle noch was bewegen, dabei helfen, die Energiesicherheit Deutschlands und Europas zu sichern. Das sei wie damals 2005, als er „mit ein bisschen über 60“ gegen Angela Merkel verloren habe: „Soll ich mich dann in den Lehnstuhl setzen? Es geht um mein Leben, und darüber bestimme ich – und nicht die deutsche Presse.“

Er habe kein Problem mit dem Rosneft-Job, „und ich denke gar nicht daran, mir eins machen zu lassen“. Ob er „nur“ einfaches Mitglied im Gremium wird oder den Vorsitz übernimmt, lässt er aber im Raum stehen.

Ein Zuschauer will wissen, ob er keine Sorge habe, vom Kreml als Feigenblatt benutzt zu werden. „Ich bin nicht benutzbar.“ Und wie ist das mit seinem Freund Wladimir Putin, dem „lupenreinen Demokraten“? „Ich bin’s leid“, sagt Schröder. Das sei so ein Stöckchen, das ihm hingehalten werde: „Ich bin schon seit zehn Jahren nicht gesprungen, und werde das auch heute nicht tun.“ Er finde nicht alles toll, was Russland auf der Welt so treibe. Verglichen mit US-Präsident Donald Trump sei Putin aber ein hochrationaler Mensch. „Die Dämonisierung Russlands hilft keinem.“

Um die Lage der SPD und ihres Kanzlerkandidaten geht es in Rotenburg dann auch noch. Kann Martin Schulz im Endspurt nun noch so ein Ding raushauen wie der „Gerd“, der bei der Wahl 2005 einen riesigen Rückstand zur Union aufholte? „Mit dem Rücken zur Wand kämpft man eigentlich am besten“, sagt Schröder. Parteifreund und Außenminister Sigmar Gabriel ist da skeptischer. Er glaubt wohl nicht mehr an den Sieg der SPD. In einem Interview sagte er gestern Abend: „Eine große Koalition ist deswegen nicht sinnvoll, weil damit die SPD den Kanzler nicht stellen kann.“ Tim Braune

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