Entführung von Hanns Martin Schleyer

Ein mörderischer deutscher Herbst

von Redaktion

Von Frank Rafalski

Berlin – Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer hat an diesem 5. September 1977 schon einen langen Tag hinter sich. Er ist am frühen Morgen von Stuttgart nach Köln geflogen und um 17.30 Uhr auf dem Weg vom Büro zu seiner Kölner Wohnung. Plötzlich steht ein blauer Kinderwagen auf der Straße. Aus einer Einfahrt setzt ein gelber Mercedes zurück. Schleyers Fahrer steigt hart auf die Bremse, das Begleitfahrzeug mit den drei Personenschützern fährt auf seinen Wagen auf. Im selben Moment eröffnen vier RAF-Terroristen das Feuer.

Schleyers Fahrer und die drei Polizisten werden erschossen, der 62-Jährige wird aus dem Wagen gezerrt und verschleppt. Schleyer – CDU-Mitglied, Wirtschaftsboss mit SS-Vergangenheit – ist aus RAF-Sicht das perfekte Ziel. Die Entführung und die dramatischen Wochen, die darauf folgen, werden als „Deutscher Herbst“ in die Geschichtsbücher eingehen. Es sind 44 Tage, die die damalige Bundesrepublik verändern.

Noch am Abend bittet Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) seine wichtigsten Minister und Berater zu einer Lagebesprechung ins Kanzleramt. Um 21.30 Uhr tritt er vor die Fernsehkameras. Die Botschaft seiner kurzen Ansprache ist unmissverständlich: Der Staat werde „mit aller notwendigen Härte“ antworten. „Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes.“

Über Nacht verwandelt sich Bonn in eine Festung: Stacheldrahtrollen, Tarnnetze, Schützenpanzer an strategischen Ecken im Regierungsviertel. Es wirkt, als sei der Ausnahmezustand ausgerufen worden. Die Entführer, das RAF-„Kommando Siegfried Hausner“, fordern die Freilassung von elf Terroristen der Roten Armee Fraktion, unter ihnen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Ras- pe und Irmgard Möller.

Am 6. September, kurz vor Mitternacht, tritt erstmals der „Große Krisenstab“ mit den Spitzen der Sicherheitsorgane und aller Parteien des Bundestags zusammen. Sie alle stellen sich hinter die Linie von Kanzler Helmut Schmidt: Der Staat wird sich nicht erpressen lassen.

Was folgt, ist ein wochenlanger Nervenkrieg – mit schweren Fahndungspannen und einer beispiellosen Aufrüstung des Staates.

Am 13. Oktober entführen vier palästinensische Luftpiraten als „Kommando Martyr Halimeh“ die Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen. Der Irrflug endet in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, wird die Lufthansa-Maschine von einem Einsatzkommando der deutschen GSG 9 gestürmt. Drei der Entführer werden getötet, die 86 Geiseln befreit.

Trotz „Kontaktsperre“ mit dem Verbot „jedweder Verbindung untereinander und mit der Außenwelt“ erfahren die Stammheimer Häftlinge davon. Als am frühen Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 8 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet werden, finden die Wärter zuerst den schwer verletzten Raspe, der kurz darauf stirbt. Baader liegt mit einem Kopfschuss tot in einer Blutlache. Ensslin hat sich in ihrer Zelle im siebten Stock des Gefängnisses am Fenstergitter erhängt. Irmgard Möller überlebt als einzige den Selbstmordversuch mit Stichwunden in der Brust.

Ein Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutet das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur. Eine weibliche Stimme beginnt zu diktieren: „Hier RAF (…) Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt (…) kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.“ Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung habe, antwortet sie knapp: „Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben.“

Es wird Abend, bis der Fundort im Elsass weiträumig abgesperrt ist und dann der Kofferraum des Audis geöffnet werden kann. Darin liegt: Hanns Martin Schleyer, aus nächster Nähe mit Kopfschüssen ermordet. Bis heute ist ungeklärt, wer genau aus dem Kreis der inzwischen verurteilten RAF-Terroristen die tödlichen Schüsse abgab.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat später einmal als politische Folgen der Schleyer-Entführung zwei Punkte genannt: Der Staat dürfe nicht erpressbar sein. Und: In vergleichbaren Situationen müssten Regierung und Opposition zusammenhalten. Schmidt hatte von Anfang an den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl in den „Großen politischen Beratungskreis“ und damit in alle relevanten Entscheidungen eingebunden.

Das Jahr 1977 steht aber auch für eine bis dahin nicht erlebte „Aufrüstung“ des Staates gegen potenzielle Feinde seiner Ordnung im Inneren. Unter dem BKA-Chef Horst Herold entwickelten die Behörden Techniken zur „beobachtenden Fahndung“, die bis heute mit der breiten Sammlung von Personendaten politisch umstritten ist. Der an den Ermittlungen damals selbst beteiligte Staatsanwalt Klaus Pflieger berichtet in seinen Erinnerungen „Gegen den Terror“ von Freunden mit längeren Haaren, die Angst um ihr Leben hatten, als sie damals bei Polizeikontrollen in die Mündung einer Maschinenpistole blickten.

Als der „Deutsche Herbst“ endete, war die Fahndungsbilanz zunächst mager. Gerade einmal neun der später 22 ermittelten Tatverdächtigen waren identifiziert. Zehn von ihnen fanden Unterschlupf in der damaligen DDR. Dennoch zieht RAF-Experte Butz Peters in seinem neuen Standardwerk („1977 – RAF gegen Bundesrepublik“) eine insgesamt positive Bilanz: „Führt man auf Staatsseite die Sichtweisen gegen Jahresende 1977 auf einen kurzen Nenner zusammen, lautet das Fazit: Der Blutzoll war hoch. Aber nur so ließ sich künftiges Unheil vermeiden.“

Der Autor

hat die damaligen Ereignisse hautnah miterlebt. Er war der Redakteur, der sich am 19. Oktober 1977 einschaltete, als eine Frau im Stuttgarter Landesbüro der Deutschen Presse-Agentur anrief, um die RAF-Erklärung zur Ermordung von Hanns Martin Schleyer zu diktieren.

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