Kürzlich hat die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die SPD-Vizechefin Aydan Özoguz, die Integrationsdebatte um den bemerkenswerten Satz bereichert, eine „spezifisch deutsche Leitkultur“ sei „nicht identifizierbar“. Dabei hätte es ihr – gerade mit Blick auf die Geschehnisse im Land ihrer türkischen Eltern und Großeltern – nicht schwerfallen dürfen, das eine oder andere Wesensmerkmal deutscher Kultur zu erkennen, und sie hätte dabei gar nicht mal nur an Goethe und Bach, Sauerkraut und deutsche Gründlichkeit denken müssen: Ebenso bestimmend für unsere Art zu leben und leben zu lassen sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Freiheit der Meinung und der Religion. Die Achtung der Würde des Individuums.
Was passiert, wenn ein Land seine Kultur verliert, kann Frau Özoguz am Beispiel von Erdogans Polizeistaat studieren. Dazu hört man freilich wenig von ihr. Aber auch andere, die Deutschland an herausgehobener Stelle repräsentieren, haben den Diktator in Ankara zu lange gewähren lassen. Mit dem Ergebnis, dass dieser jeden Respekt vor „Hans“, wie er Deutschland verächtlich nennt, verloren hat. Wie ein krimineller Geiselnehmer lässt Erdogan Deutsche jagen und festnehmen, um sie hinterher gegen Türken, die vor seinen Schergen in die Bundesrepublik fliehen, austauschen zu lassen.
Jeder, der heute noch in die Türkei reist, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Und wer es immer noch nicht kapiert hat, den sollte die Bundesregierung mit einer amtlichen Reisewarnung auf die Gefahr hinweisen. Alles unterhalb einer solchen diplomatischen Eskalationsstufe, etwa hilflose Belehrungen in Sachen Rechtsstaatlichkeit, wie sie die Kanzlerin Erdogan diese Woche zuteilwerden ließ, spornen den Sultan nur zu noch derberen Gesten der Respektlosigkeit an. Die am Freitag bekannt gewordene Festnahme zweier weiterer Deutscher ist nichts anderes als der gestreckte Mittelfinger, den Erdogan Berlin vor die Nase hält. Wer sich das gefallen und von Ankara zur Witzfigur machen lässt, sollte sich hinterher wenigstens nicht beschweren, wenn Erdogan das als Teil der deutschen Leitkultur begreift.
Georg Anastasiadis
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