München – Das Duell ist gerade zehn Minuten alt, da hat Martin Schulz die Kanzlerin da, wo er sie haben will – in der Defensive. Es geht um das Flüchtlingsjahr 2015. Und es geht um die Entscheidungen, die Angela Merkel (CDU) damals traf. Sie sagt, was sie schon oft gesagt hat: Dass sie zu allem stehe, was sie tat. Und dass sie keine Wahl hatte. Ob also heute alles wieder so laufen könnte wie 2015, fragt der SPD-Mann in den Raum – und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Dazu würde ich nicht raten.“
Martin Schulz startet so forsch in den Abend, wie es seine Partei im Vorfeld gehofft hat. Er fordert die Kanzlerin bei jenem Thema, bei dem sie am verwundbarsten ist, zwingt sie zur Rechtfertigung. Und diese Rolle, das spürt man, behagt ihr nicht. Sie kontert mit der Not der Flüchtlinge und ihren Zwängen als Regierungschefin. Und als sie zwei Redeminuten vor Schulz liegt, kann der gemütlich zum Gegenschlag ausholen.
Es ist das einzige TV-Duell dieses zähen Wahlkampfs und deshalb die einzige Möglichkeit für den SPD-Herausforderer, die Kanzlerin direkt zu stellen. Er tut das nach Kräften und nutzt seine rhetorischen Fähigkeiten, zumindest zu Beginn. Beim Thema Türkei zum Beispiel versucht er, Merkel auf eine Position festzunageln. Als Kanzler, sagt er, werde er die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stoppen. Das ist eine Ansage. Merkel verliert sich dagegen etwas im Erklären der komplexen Situation.
Die Kanzlerin, das gehört zur kurzen Geschichte dieses Wahlkampfformats, hat schon drei SPD-Gegner in TV-Duellen überstanden. Das schaffte sie vor allem mit Sachkenntnis und Präzision. So auch diesmal. Als Schulz an einer Stelle die Zahl der Ausreisepflichtigen mit der Zahl der unbearbeiteten Asylanträge verwechselt, nimmt Merkel das erfreut zur Kenntnis und korrigiert ihn fast schon genüsslich. Schulz hebt dagegen gern das Persönliche hervor, erzählt von dem Polizisten in seiner Familie, die Handwerker mit Dieselautos in seinem Haus und den neulichen Friedhofsbesuch. Beide bleiben sich also ihrer Linie treu.
Es geht dann um Imam-Ausbildung und Integration, um Gefährder und die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dass sich die EU klarer von der Türkei abgrenzen muss. Und dass Verhandlungen mit US-Präsident Donald Trump schwierig sind. Der Themenblock ist gewaltig und macht mehr als die Hälfte der Sendung aus. In den sozialen Medien wird das murrend zur Kenntnis genommen. Einer fragt, ob es auch irgendwann um Themen wie Bildung oder soziale Gerechtigkeit geht.
Das merkt auch die Kanzlerin kritisch an. In ihrem Schlusswort beklagt sie, dass in der eineinhalbstündigen Sendung nicht darüber gesprochen worden sei, welche Themen in den kommenden vier Jahren wichtig werden würden – Digitalisierung, der Erhalt von Arbeitsplätzen. Tatsächlich war es aber Merkel selbst, die im Vorfeld ein zweites TV-Duell strikt abgelehnt hatte und so mit für die Zeitknappheit sorgte.
Beim Komplex Inneres geht es weniger um Zukunftsthemen als um eine Geschichte, die schon seit vier Jahren schwelt: die Autobahnmaut für Pkw. Schulz sagt, er werde als Kanzler die Pläne gleich wieder verwerfen, Merkel will daran festhalten. Es kommt zu einem längeren Disput, wer was wann einmal gesagt oder eben nicht gesagt hat. Das nimmt Zeit von der Uhr, hat aber keinen wirklichen Mehrwert für die Zuschauer. Sehr schnell geht es dann bei den Themen Steuern (Merkel will 15 Milliarden Entlastung, Schulz Familien mit Kindern stärker fördern) und das Diesel-Thema (beide wollen Fahrverbote vermeiden und Sammelklagen gegen die Autobauer zulassen).
Am Ende wirbt die Kanzlerin mit ihrer Erfahrung, mit der Mischung aus Erreichtem und „der Neugier auf das Neue“. Dafür wolle sie für und mit den Bürgern arbeiten, sagt die Kanzlerin. „Und ich glaube, dass wir das gemeinsam schaffen können.“ Sie schaut nicht direkt in die Kamera, genau wie es auch Martin Schulz zuvor nicht macht. Und ausgerechnet am Ende verstolpert er sich auch noch ein wenig. So sehr damit beschäftigt, um eine Aussage zu einer möglichen Koalition mit der Linken herumzukommen, vergisst er die Regularien. „Wie viel Zeit habe ich?“, fragt er vor dem Schlusswort und muss tief Luft holen, bevor er für Mut zum Aufbruch in Zeiten des Umbruchs wirbt, für ein „europäisches Deutschland in einem starken Europa“.
Das ist ein erwartbares Ende des Duells, das für manche Beobachter unterm Strich gar kein richtiges Duell war. Sagt zum Beispiel Thomas Gottschalk bei Anne Will in der ARD. „Die haben ja immer beide mit dem Kopf genickt, wenn der andere geredet hat.“