Soll einer nochmal behaupten, die SPD habe den Glauben an ihren Kanzlerkandidaten verloren. So unerschütterlich ist das Vertrauen in den Genossen Martin Schulz, dass die Partei ihn schon Stunden vor Beginn des TV-Duells mit Angela Merkel zum Sieger erklärte. Nur eine Internet-Panne, gewiss. Aber eine, die sinnbildlich steht für die ganze glücklose Schulz-Kampagne. Noch so ein handwerklicher Fehler, der dem Kandidaten den Start in den zur letzten Chance hochstilisierten Schlagabtausch mit der Amtsinhaberin verhagelte.
Dabei hätte, das machte gleich der Beginn des gestrigen TV-Duells deutlich, Angela Merkel im Wahlkampf durchaus Angriffsflächen geboten. Verwundbar war und ist die Teflon-Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik. Sie ist das alles überragende Thema, über das die Menschen reden, sobald sie in vertrauter Runde zusammensitzen. Doch just dieses Feld erklärte Schulz viel zu lange zur politischen Tabu- und Schweigezone, obwohl – Stichwort Wohnungsmangel, Jobkonkurrenz, Ghettoisierung – gerade die von der SPD umworbenen kleinen Leute auf neue Antworten warten. Erst glaubte der vom eigenen Hype geblendete Kandidat, im Schlafwagen ins Kanzleramt rollen zu können. Und dann fehlte ihm als Brüsseler Apparatschik die raubtierhafte Gerissenheit eines Alphatieres wie Gerhard Schröder, sich den Wählern in der Migrationspolitik nicht als Merkels Double, sondern als Alternative zu empfehlen. Den auch gestern wiederholten etwas weinerlichen Vorwurf, die Kanzlerin ersticke die Demokratie, indem sie Streit nicht offen austrage, hätte sich der SPD-Chef sparen können. Das erledigen er und seine Partei schon selbst. Nach wirklich spannenden Unterschieden in den Politikangeboten von Kanzlerin und Kandidat mussten die Zuschauer des TV-Duells mit der Lupe suchen.
Ob ein gefühltes Patt für den Herausforderer aber reicht, um auf den letzten Metern noch so etwas wie Wechselstimmung herbeizuzaubern? Große Zweifel sind erlaubt. Die Leute wissen in einer unsicherer gewordenen Welt mit ihren testosterongesteuerten Anführern nicht genau, was Schulz will. Aber sie wissen, was Merkel kann. Dazu musste die Kanzlerin gestern nicht mal ihr berühmt-berüchtigtes „Sie kennen mich“ in die Kameras säuseln.
Georg Anastasiadis
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