Berlin – Früher galt Wählengehen vielen als Pflicht, heute werden Menschen eher aus anderen Gründen politisch aktiv. Das sagt Wahlforscher Matthias Jung, der im Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen sitzt und die Stimmung im Land analysiert.
-Wie sehr sind die Deutschen an Politik interessiert?
Die Lage ist uneinheitlich. Wir sehen, dass ein Teil der Bürger sich stark dafür interessiert. Allerdings zeigt der größere Teil nicht so viel Interesse an Politik im engeren Sinne. Mit Blick auf Wahlen hält heute ein Großteil der Bevölkerung nur noch die Abstimmung zum Bundestag für wirklich wichtig. Kommunalwahlen dagegen und Landtags- oder Europawahlen haben für viele über die Zeit an Bedeutung verloren.
-Die Wahlbeteiligung war in den vergangenen Jahrzehnten teils deutlich höher als 2013 mit gut 70 Prozent. Spricht da nichts für sinkendes Polit-Interesse?
Das sieht nur auf den ersten Blick so aus. Denn die höhere Wahlbeteiligung früher spiegelt nicht unbedingt mehr Interesse wider, sondern früher hat es sich stärker gehört, dass man wählen ging. Dieses Pflichtgefühl, die Stimme abzugeben, ist gesunken. Außerdem leben wir heute in einer weniger ideologischen Zeit. Ideologische Kämpfe in der Politik und eine stärkere Polarisierung – denken Sie etwa an den Ost-West-Konflikt, den Antikommunismus, die Rechts-Links-Konfrontation – hat auch die Menschen politisch geprägt.
-Und heute?
Heute bringen sich Menschen besonders aus zwei Gründen politisch ein: Erstens, wenn ihre eigenen Interessen direkt berührt sind. Dann werden sie aktiv und organisieren sich. Allerdings ist das häufig nur auf ein Spezialgebiet bezogen. Und es mündet oft nicht in nachhaltiges Engagement, sondern endet schnell, spätestens wenn das Thema entschieden ist. Zweitens interessieren sich Menschen stärker als gewöhnlich und sind emotional dabei, wenn eine Entscheidung spannend ist und knapp ausgehen kann.
-Trotzdem reden viele über politische Themen.
Ja. Das hat auch mit einer anderen Tendenz zu tun: Wir haben viel mehr Menschen, die sich als Experten fühlen und mitreden. Der Respekt vor den Fachleuten, seien es Mediziner oder Politiker, ist gesunken. Das heißt aber nicht, dass viele Menschen wirklich tief in die Politik eintauchen wollen.
-Das Thema Flüchtlinge bewegt viele dennoch sehr.
Das Thema hat starke emotionale Aspekte, und es hat die Leute polarisiert. Aus Sicht der etablierten Parteien ist es aber schwierig, denn es hat quer über alle Parteigrenzen hinweg polarisiert – eine heikle Sache.
Interview: Petra Kaminsky