Schulreform: Polen kehrt in kommunistische Zeiten zurück

von Redaktion

Scharfe Kritik nach umstrittenen Änderungen – Lehrplan mit nationalistischen Tendenzen – Knapp 10 000 Lehrerstellen in Gefahr

Warschau – Zum Schuljahresbeginn musste Schulleiterin Monika Kalata zwölf ihrer Kollegen entlassen. Fast ein Fünftel des etwa 70-köpfigen Personals am Gymnasium Nr. 11 in Warschau-Mokotow. „Das ist erst der Anfang“, sagt die Polin bitter. Sie ist sicher: Durch die Schulreform der nationalkonservativen Regierung, die an diesem Montag in Kraft tritt, werden noch viele Entlassungen folgen.

Nach Schätzungen des Lehrerverbandes ZNP bedroht das Gesetz an die zehntausend Lehrer-Jobs. Genaue Zahlen sollen bis Ende September vorliegen. Vergeblich hatte sich der Verband gegen die Reform der mit absoluter Mehrheit regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit PiS gewehrt. Binnen eines Jahres setzte die PiS die Rückkehr zum Schulsystem aus Zeiten des Kommunismus durch. Infolgedessen werden etwa 7500 Mittelstufenschulen von Klasse 7 bis 9, in Polen Gymnasium genannt, abgeschafft. Stattdessen gehen Schüler wieder acht Jahre lang in die Grundschule; Abitur können sie an Oberstufen- und Branchenschulen machen. Dort kommen entlassene Gymnasiallehrer wegen der abweichenden Fächer aber kaum unter. Deswegen würden mit jedem auslaufenden Gymnasialjahrgang weitere Pädagogen entlassen, sagt Kalata.

Bildungsministerin Anna Zalewska bestreitet das. Sie habe sogar zusätzliche Stellen versprochen. „Das ist eine große Lüge“, empört sich Kalata. Sie habe gute Kollegen in die sichere Arbeitslosigkeit schicken müssen.

Schwierigkeiten erwarten dem Pädagogenverband zufolge aber auch Lehrer, die ihre Arbeit vorerst behalten können. Denn mit der Reform werden viele Etats gekürzt, wie der ZNP-Chef Slawomir Broniarz erklärt. Die von Zalewska versprochenen Stellen seien daher größtenteils in Teilzeit. Um von ihrem Gehalt leben zu können, werden Pädagogen Aufträge an bis zu vier oder fünf Schulen finden müssen. Kalata warnt vor Auswirkungen auf den Unterricht: „Wenn Pendellehrer von Schule zu Schule eilen, bleibt für die Kinder weniger Zeit.“

Dabei gibt Zalweska an, vor ihrer Reform Experten konsultiert zu haben. „Solche Behauptungen machen mich wütend“, ärgert sich Kalata, die bei einem Treffen im Bildungsministerium war. Die Reform sei dort kaum Thema gewesen. Die Verantwortlichen hätten gefehlt, klagt Kalata. Für die Nationalkonservativen ist klar: Die Gymnasien haben versagt. Der Schulwechsel in der Pubertät habe zu mehr Gewalt unter den Jugendlichen geführt. Dem widerspricht Kalata: Sie meint, die von der PiS benannten Probleme hingen mit dem Milieu-Umfeld und nicht mit der Schulart zusammen. Sie hebt außerdem die überdurchschnittlichen Leistungen polnischer Schüler bei der PISA-Studie 2017 hervor, bei der sie Platz 22 von 72 belegten.

Es geht aber nicht nur um Strukturen, es geht auch um Inhalte. Die PiS wolle Kinder nach ihren Vorstellungen erziehen, vermutet Broniarz. „Es soll eine Generation neuer Bürger her.“ Änderungen im Lehrplan, die über zwei Jahre eingeführt werden, scheinen dies zu bestätigen. Darin setzt die PiS verstärkt auf polnische Literatur und Geschichte. Werbespots zur Reform auf einer Regierungswebseite preisen mehr Wissen über polnische Wissenschaftler und Nationalhelden an. Laut Broniarz ein ideologisch-historisches Programm.

Immerhin: Einige Direktoren begrüßen die Freigabe zusätzlicher Mittel. Der Lehrerverband meint aber, das sei nur den Anstrengungen der Gemeinden zu verdanken. Sie müssten die Kosten der Reform tragen und stünden vor den Regionalwahlen 2018 unter Zugzwang. Denn Chaos und Bürgerbeschwerden über die PiS-Reform könnten die Wählergunst beeinflussen. Natalie Skrzypczak

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