Abensberg – Es gibt wirklich schrille Abschiedsgeschenke. Martin Schulz, der seine Rede gerade mit einem Plädoyer für Europa beendet hat, steht auf der Bühne, die Hemdsärmel zweifach gekrempelt, ein müdes Lächeln im Gesicht. Würstlduft hängt dicht und schwer von der Decke hinab. „Wir haben noch was für dich, Martin“, sagt ein junger Anzugträger mit langem Bart und winkt ein paar nicht weniger junge Frauen hinauf – eine blonde, drei oder vier brünette. Der Martin schaut kurz. Und einen Moment lang sieht es so aus, als überlegte er, wie um Himmels willen er all die Mädels nach Hause transportieren soll.
Natürlich ist die Sache überhaupt nicht so anrüchig, wie sie erst mal wirkt. Die Frauen sind, so behauptet es der Mann am Mikro, gerade frisch in die Partei eingetreten: Niederbayerns SPD schenkt Schulz Neu-Mitglieder. Die Geste soll zeigen, wie gut der Kandidat gerade bei jungen Wählern ankommt. Merkel, das ist die Botschaft dieses Vormittags beim Gillamoos, verkörpert das alte Deutschland. Schulz ist die Zukunft.
Zwölf Stunden nach dem Berliner TV-Duell steht der Kandidat also in einem Bierzelt am anderen Ende der Republik. Es geht wunderbar bayerisch zu. Weiß-blauer Tischschmuck. Eine Blaskapelle, die sich spaßeshalber in „Bundeskanzlerkapelle Berching“ umbenannt hat. Nach der starren Veranstaltung vom Vorabend soll Schulz in lockerer Atmosphäre sagen dürfen, was ihm auf dem Herzen liegt. Also spricht er all die Themen an, die ihm beim Duell zu kurz kamen: Bildung, Kita-Plätze, Arbeitsmarkt, Wohnungspolitik. „Natürlich kann ich sagen, Deutschland sei ein reiches Land“, ruft er mit kehliger Stimme ins proppenvolle Zelt. Aber deswegen seien ja längst nicht alle reich. „Ich weigere mich, mich auf dem Erreichten auszuruhen.“ Applaus. Vorne rufen ein paar Mitglieder vom SPD-Ortsverein: „Martin, Martin!“
Schulz war schon mal hier beim Gillamoos, vor vier Jahren, als Ersatz für den damaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Anfang dieses Jahres war er dann der gefeierte Star des politischen Aschermittwochs der SPD in Vilshofen. Die Partei war damals kaum wiederzuerkennen, sie schwamm auf der Schulz-Euphorie-Welle. Auch an diesem Montag bemühen sie sich um reinen Optimismus. Aber die „Martin“-Rufe sind leiser als damals. Und wer sich im hinteren Zeltteil aufhält, kann sich relativ ungestört über die Guttenbergs, Özdemirs und Lindners unterhalten, die nebenan sprechen.
Schulz selbst will kämpferisch wirken, auch wenn ihn viele schon abgeschrieben haben – und beginnt doch eher zahm. Er spricht über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, dann über den lahmenden Breitbandausbau. Deutschland liege in der OECD-Statistik hinter Mexiko und Chile, sagte er und erntet einen lauen Applaus. Drei Herren an einem Tisch linksaußen knabbern derweil an ihren Fingernägeln.
Nach 20 Minuten wird der Würstldunst auch Schulz zu viel. Er zieht das Jackett aus, Genossenstil. Und legt los. „Manche kritisieren mich, weil ich Anzüge von der Stange trage und eine Glatze und einen Bart habe und nicht das modernste Brillengestell.“ Im Publikum wird genickt, kurze Pause. Dann hebt Schulz’ Stimme an: „Aus dieser Haltung spricht die tiefe Verachtung gegenüber den normalen Menschen in diesem Land.“ Riesenjubel.
Schulz, der Normalo. Wer genau hinhört, entdeckt darin eine Wiederholung des Vorwurfs an die Kanzlerin. Der SPD-Mann hatte vor einiger Zeit gesagt, sie sei abgehoben. Auf den letzten Metern vor der Wahl will er noch mal zeigen, dass er das Gegenteil ist.
Allerdings sind diese Momente selten, denn die 60-minütige Rede bietet wenig Neues. Schulz spricht ausführlich über Erdogan, nennt ihn indirekt einen „Feind der Türkei“ und wiederholt seine Forderung nach einem Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen. Er spricht über Trump und dessen Neigung, die Welt „in die Krise zu twittern“. Er sagt, die AfD sei keine Alternative für Deutschland, sondern eine „Schande für die Nation“. Was auffällt: Seine Kritik trifft, sobald sie konkret wird, zwar Gott und die Welt – aber nur selten Angela Merkel.
Das spüren auch die Zuhörer hinten im Zelt. Dort sitzen nicht die SPD-Ortsvereine aus dem Umkreis, sondern diejenigen, die sich diesen Schulz einfach nur mal anhören wollen. „Er ist mir sehr sympathisch“, sagt Alexander Adler, der mit seinen 26 Jahren zu genau jener Wählerschicht gehört, bei der der SPD-Mann gut ankommt. Trotzdem weiß Adler nicht so recht, wo nun die großen Unterschiede zur Merkel-CDU liegen. Vorher hat er sich den Grünen Cem Özdemir angehört. „Der hat mir besser gefallen.“
Schulz will kämpfen und den Eindruck vermeiden, als wolle er die nächsten drei Wochen vor der Wahl nur möglichst schnell hinter sich bringen. Die Umfragen sehen kaum Chancen für ihn. Und auch das TV-Duell hat wohl nicht den erhofften Schub gebracht. Trotzdem nennt er Angela Merkel die „noch amtierende Kanzlerin“. Im Zelt geht das aber unter.
Bevor der Mann mit Bart das Abschiedsgeschenk auf die Bühne winkt und bevor die Zeltgäste voller Inbrunst die Bayernhymne singen, spricht Martin Schulz noch über sein Lieblingsthema: Europa. Ein deutscher Kanzler, sagt er, habe mehr als jeder andere Regierungschef die Pflicht, für diese „Demokratien-Gemeinschaft des Respekts“ zu kämpfen. „Ich habe das mein ganzes Leben lang getan. Und ich will es als Bundeskanzler weiter tun.“ In diesem Moment klingt er, als glaubte er tatsächlich fest an seine Chance.