Martin Schulz im Youtube-Interview

Cannabis für die Jungwähler

von Redaktion

von Tim Braune und Sebastian Dorn

Berlin – Es gibt also doch noch Überraschungen in diesem eher trägen Wahlkampf. Es passiert am Dienstagmittag im Berliner Fernsehstudio: Nihan Sen, die auf der Internetplattform YouTube wegen ihrer Schmink- und Unterhaltungstipps fast 800 000 Fans hat, will aus Martin Schulz seine größte Jugendsünde herauskitzeln. „Muss ich das sagen?“, fragt der SPD-Kanzlerkandidat. „Ich schäme mich ein bisschen.“ Dann packt er immerhin seine „zweitschlimmste“ Jugendsünde aus.

Ja, es sind andere Fragen als beim großen TV-Duell, mit denen Schulz im Live-Interview auf der Videoplattform YouTube konfrontiert wird. Dass es hier anders zugeht als im Fernsehen, war schon seit drei Wochen klar. Da schaute Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei dem Format vorbei. In der einstündigen Sendung ging es weniger um die große Politik als darum, dass Merkels Lieblingssymbol in Nachrichten auf ihrem Smartphone das lachende Gesicht ist. Klingt banal, wird aber geklickt: bisher 1,7 Millionen Mal, dazu 50 000 Kommentare. Jetzt ist Merkels Herausforderer dran, der am liebsten genauso viele Menschen erreichen will. Vorwiegend junge Zuschauer, die noch unentschlossen sind, wen sie wählen werden. Da muss es dann eben auch um Jugendsünden gehen.

Merkel hat zu dem Thema ebenfalls schon mal gebeichtet, vor ein paar Jahren im „SZ-Magazin“. Ihre größte Peinlichkeit sei gewesen, „mit einem neuen Trainingsanzug aus einem Westpaket in eine harzige Baumhöhle zu kriechen“. Schulz’ Geschichte spielt im Schwimmbad, „mitten in einer durchzechten Nacht“. Er habe „ein Paket Waschpulver ins Freibad geschüttet“. Als die Polizei im Anmarsch war, sei er schnell über den Zaun geklettert. Eine Festnahme blieb ihm erspart – „ich war schnell genug“, sagt Schulz und grinst.

Im Vorfeld des Gesprächs hatten die vier YouTube-Moderatoren mit insgesamt über 2,75 Millionen Abonnenten versprochen, diejenigen Themen abzuarbeiten, die aus ihrer Sicht im TV-Duell zu kurz gekommen waren. Bildung? Spielte zur Empörung der jungen Erwachsenen am Sonntag keine Rolle. Genau wie die Digitalisierung, obwohl einige Internetfilmemacher inzwischen mehr Geld verdienen als manche Manager.

Konkret politisch ist die Sendung dann aber doch nur manchmal. Etwa, als Schulz erklärt, der Bundestag sollte ohne Fraktionszwang über die Legalisierung von Cannabis abstimmen – so wie Merkel per Gewissensentscheidung kürzlich über die „Ehe für alle“ abstimmen ließ. Er selbst gibt sich nicht als Befürworter zu erkennen – nach seiner Alkoholsucht sei er bei Rauschmitteln zurückhaltend. Auch im SPD-Wahlprogramm steht nichts. Schulz spricht auch vom Ausbau des Sprachunterrichts, vom neunjährigen Gymnasium und einer „Mindestausbildungsvergütung“. Auch die schwachen Umfragewerte der SPD sind Thema: Hat er mit der Mission Kanzleramt schon abgeschlossen, knapp drei Wochen vor der Wahl? „Ich kämpfe bis zum letzten Meter“, antwortet Schulz tapfer. Er lässt jedoch durchblicken, dass er sich mit dem Gedanken der Niederlage beschäftigt hat: „Wenn die Mehrheit der Leute mich nicht wählt, dann ist das in einer Demokratie O.k.“

Ansonsten geht es um viel Persönliches: Wie sein Traum platzte, Fußballprofi zu werden. Wie er von der Schule flog. Wie er bei Hasskommentaren im Internet innerlich leidet („das verletzt einen natürlich, ganz klar“). Und ja, sogar auch, dass zu Hause immer dienstags der Restmüll abgeholt wird. Schulz will möglichst nahbar wirken.

Vielen der bis zu 15 000 Zuschauer, die das Gespräch live verfolgen und beim Kurznachrichtendienst Twitter kommentieren, gefällt, dass sich der 61-Jährige so offen präsentiert. „Schulz ist deutlich sympathischer und nicht so ,Fake’ wie Merkel“, schreibt ein Nutzer. „Er ist deutlich spontaner, und das gefällt mir.“

Im großen TV-Duell am Sonntag konnte der SPD-Kandidat bei unentschlossenen Wählern punkten, insgesamt verlor er den Umfragen zufolge aber gegen Merkel. Nach dem Ausflug in die Netzwelt gibt es keine Wähleranalyse, die Sendung mit den jungen Leuten hat Schulz selbst aber offenbar besser gefallen als das Fernsehduell. „Formate mit vier Interviewern können doch aufgehen“, stichelt er im Internet gegen dessen Moderatorenquartett.

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