München – Den Satz hat er so schon öfter gesagt. Aber weil es sonst kaum einer tut, wiederholt er ihn gerne. „Der Islam gehört für mich nicht zu Deutschland“, ruft Edmund Stoiber den 500 zu, die da im Bräustüberl vor ihm sitzen. Und unter dem weiß getünchten Gewölbe bricht ein Jubel los, wie er in diesem Wahlkampf selten zu hören ist.
Eine Woche ist der Auftritt am Tegernsee her. Der 75-Jährige hat seitdem bei der Jungen Union in Schwaben gesprochen und bei der Reihe „Stoiber im Gespräch“ in Kulmbach. Vorher war er in Würzburg, Nürnberg und Murnau, die nächsten Stationen heißen Görlitz (Sachsen), Ahaus (Nordrhein-Westfalen), Rosenheim, Aying – um nur die größeren zu nennen. Stoiber, der Ende des Monats 76 wird, macht Wahlkampf. Und dabei schont er sich nicht.
In gewisser Weise ist er die Oldie-Version des Fast-Rückkehrers Karl Theodor zu Guttenberg. Jedenfalls wollen ihn viele Menschen sehen. „Es ist erstaunlich, wie gut der Zulauf ist“, sagt ein Mitarbeiter. Schon im Januar bat ihn die CSU, eines der Zugpferde im Wahlkampf zu sein. Stoibers Prominenz ist schließlich noch immer ein Pfund – und manchmal eines mit Tücken. Am Dienstag brauchte er von seinem Tisch in der Kulmbacher Stadthalle bis zum Auto eine halbe Stunde. Dazwischen: Autogramme, Selfies und feuchte Hände.
Prominenz ist das eine, Inhalte sind das andere. Stoibers Islam-Satz fällt exakt vier Tage, bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Fernseh-Duell das Gegenteil bekräftigt. Die vier Millionen Menschen islamischen Glaubens, die sich hier einbrächten, gehörten zu Deutschland, sagt sie. Und mit ihnen der Islam.
Der CSU-Ehrenvorsitzende gilt als einer der schärfsten Kritiker der Kanzlerin in der Union. Er warf ihr in der Flüchtlingskrise vor, Europa kaputtzumachen und soll in einem Interview gar ihren Sturz ins Spiel gebracht haben. Inzwischen scheint das Misstrauen nicht mehr ganz so tief zu sitzen. Im Münchner Presseclub spricht Stoiber gestern jedenfalls respektvoll, wenn auch distanziert von Merkel, nennt sie „erfahren“ und „klug“ und attestiert dem Land „eine gute politische Stabilität“. Allerdings sagt er auch, wem er die Stabilität mitunter anrechnet: „Die CSU hat erheblichen Anteil an der jetzigen Unions-Position, die da heißt: 2015 darf sich nicht wiederholen.“
Es geht an diesem Abend auch um andere Themen. Das TV-Duell zwischen Merkel und Martin Schulz („Schröder war schon ein anderes Kaliber“). Die Bildungsdebatte („Als Kanzler kann Schulz da eh nichts machen. Das ist Ländersache“). Die AfD („Ich bin besorgt, dass die besser abschneiden, als wir je gedacht hätten“). Aber das Thema Flüchtlinge und Integration kitzelt ihn am meisten.
Da ist zum Beispiel der Familiennachzug. Sollte die Aussetzung für subsidiär Schutzberechtigte im März 2018 fallen, dann könnten 300 000 bis 500 000 Frauen und Kinder nachkommen, sagt Stoiber. „Wo kommen denn die Lehrer für all die traumatisierten Kinder her? Darüber wird überhaupt nicht debattiert.“ Auch die Notwendigkeit eines europäischen Asylrechts könne man nicht länger übersehen. Das klingt wie ein Auftrag an die Kanzlerin.
Stoiber äußert keine allzu offensive Kritik, aber gibt zu verstehen, dass da noch eine Menge Probleme zu lösen sind. Möglicherweise kommt er auch deshalb bei den Leuten so gut an. Bei seinen Veranstaltungen, sagt er, werde sehr offen und besorgt über die Flüchtlingsfrage debattiert. Er nimmt das auf.
Der Abend in München ist keine typische Wahlkampfveranstaltung. Trotzdem kommt der 75-Jährige ab und an in den ungezügelten Stoiber-Modus. „Wie stellen Sie sich das vor?“ oder „Das muss doch geregelt werden“. Er müsste das nicht machen. Aber so ein Wahlkampf-Zugpferd hält nur schwer still.