Mühldorf – Beschwingt steigt er die Treppe hinauf. Auf eine der politischen Bühnen, von denen Wolfgang Bosbach (CDU) letztes Jahr im August eigentlich seinen Abschied angekündigt hat. Von denen er sich aber einfach nicht verabschieden kann. Ein Wahlkampftermin mit Bosbach, einem der bekanntesten Politiker dieser Republik.
Es sind nur sechs Stufen bis zum Podium, diesmal in Mühldorf am Inn, diesmal ein Auftritt für den CSU-Abgeordneten Stephan Mayer. Der Saal ist voll, vor allem ältere Menschen, in Dirndl oder Lederhose, zum Zuprosten trinkt man Bier und schwenkt eines der CSU- und Bayernfähnchen, die am Tisch ausliegen. Still ist es geworden, als Bosbach den Saal betreten hat. Eigentlich ist der 65-Jährige unter Zeitdruck, doch seine zwanzigminütige Verspätung will er noch erklären, beschreibt seinen Weg von dem niederbayrischen Straubing nach Mühldorf. Über die Berge, die Landschaft und die Autobahn, an der gerade gebaut wird, weshalb er zu spät kam – hier sehe man, wo in Bayern investiert wird.
Nun steht er dort oben, das rechte Hosenbein halb in der Socke. Er ist gut aufgelegt, wirkt hellwach. Ein Ganzjahreskarnevalist, das sei er nicht, sagt er. Aber der Rheinländer sorgt für Lacher, redet pointiert und blickt mit verschmitztem Lächeln in die Menge. Als wieder ein Witz kommt, ruft eine Frau, er sei ja doch ein Clown. Kontrastprogramm zu Mayers Rede, dessen ernstes Kernthema lautet „Innere Sicherheit“. Ein Kernthema hat Wolfgang Bosbach nicht, er braucht es auch nicht. Stattdessen redet er von Studien und Zahlen, zitiert Goethes Faust und gibt sich redegewandt.
48 Auftritte wie diese hat er bei Parteikollegen allein im laufenden Jahr. Es seien weitaus mehr Anfragen gekommen, sagt er. Ein Phänomen: Der Mann ohne Amt, bundesweit statt durch wohlklingende Posten vor allem durch Medienauftritte bekannt, sorgt für vollere Säle als die ebenso über die Dörfer tingelnden Bundesminister. Ein Teil seines Rufs, seiner Prominenz, kommt aus der Rolle als der vielleicht letzte in der CDU verbliebene Merkel-Kritiker. Bosbach leistete sich über Jahre hinweg Widerspruch zum Kurs der CDU („Linksdrift“), zur Euro- und zur Flüchtlingspolitik. Vermutlich kostete ihn das eine Beförderung ins Innenressort.
Bosbach, seit Jahren unheilbar krebskrank, kokettiert gern mit seiner Unabhängigkeit, mit dem Rückzug aus dem Bundestag. „Ich habe kein politisches Amt mehr, aber das politische Interesse wird immer bleiben“, sagt er in Mühldorf. Deshalb auch solche Auftritte, er will Freunde unterstützen, mit denen er schon länger zusammen gearbeitete habe und hinter denen er stehe.
Mayer als eher harter Innenpolitiker dürfte einer dieser politischen Freunde sein – Bosbach führte lange den Innenausschuss des Bundestags. Seine 23 Jahre in der Politik beschreibt der Rheinländer als anstrengend und spricht gleichzeitig davon, seinen Traumberuf ausgeübt zu haben. Er blicke zurück auf tolle Jahre und gute Zusammenarbeit. Merkel erwähnt er kaum, warnt nur vor zu viel Siegessicherheit.
Über eine Stunde spricht der scheidende Politiker Bosbach, der zur Wiederwahl stehende Mayer nur zehn Minuten. Dann ist schon die Zeit überschritten, der nächste Termin im 60 Kilometer entfernten Landshut beginnt jetzt. Eilig hüpft Bosbach die sechs Stufen hinab, lächelt noch schnell, gibt Autogramme und springt in sein Auto. Er fährt selbst, das rechte Hosenbein noch immer in der Socke. Vielleicht macht es das leichter, Gas zu geben, wenn die Anzughose nicht ums Bein schlackert. Astrid probst