Berlin – Es waren die Tage der TV-Debatten. Erst trafen sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Martin Schulz zum TV-Duell, das für viele eher ein Kuscheln war. Stärker zur Sache ging es tags drauf beim Schlagabtausch der fünf kleineren Parteien mit Chancen auf den Einzug in den Bundestag. In einer weiteren Wahlsendung verließ AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel plötzlich das Studio. Und zwei Tomatenwürfe von Anhängern der NPD und AfD auf die Kanzlerin in Heidelberg und auf ihr Auto in Vorpommern zeigen: Der Wahlkampf ist in der heißen Phase. In zwei Wochen wird gewählt – ein Überblick über die aktuelle Situation.
Die Umfragen: Wenn heute Wahl wäre
Es ist schon kurios: Im Januar verzichtete Sigmar Gabriel auf den SPD-Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur, damit Martin Schulz der Partei aus den schlechten Umfragewerten hilft. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, ist Gabriel laut dem ARD-„Deutschlandtrend“ der beliebteste Politiker – und die Umfragewerte sind noch schlechter als vor Gabriels Rückzieher. Schulz lässt sich nicht beirren – „ich lasse immer gerne andere die Umfragen gewinnen. Ich gewinne lieber die Wahl“, sagte er – er setzt auf die unentschlossenen Wähler.
Die Union bleibt laut aktuellen Erhebungen klar stärkste Kraft, die SPD hinkt gut 16 Prozentpunkte hinterher. Spannend ist dafür das Rennen um Platz 3: FDP, Grüne, AfD und Linke liegen mit um die neun Prozent mehr oder minder gleichauf. Den Wahlkampf führen sie deshalb ungewöhnlich aggressiv.
Sahra Wagenknecht etwa, Spitzenkandidatin der Linken, beschimpfte Schulz als „Zauselbart“. Gemeinsam mit der AfD buhlt ihre Partei um Protestwähler und muss sich deshalb deutlich abgrenzen. Die AfD sei eine Partei voller „handfester Halbnazis“. Die AfD wiederum setzt auf kalkulierte öffentliche Eklats wie Weidels Verlassen des Fernsehstudios, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Auch die FDP bricht Tabus: Christian Lindner forderte beispielsweise, den Status quo der von Russland annektierten Krim vorerst zu akzeptieren. Seine Positionen sind nicht neu, zuletzt hat er sie aber rhetorisch verschärft. Und die Grünen versuchen, ihre Stammwähler zu mobilisieren, indem sie ihr Öko- und Umweltschutzprofil stärken und sich zur FDP abgrenzen.
Der Aufwand könnte sich lohnen: Nach einer Emnid-Umfrage sind noch 37 Prozent der Wähler unentschlossen. Zwei Drittel gaben an, ihre Entscheidung von inhaltlichen Positionen abhängig zu machen. Die Spitzenpolitiker spielen bei jedem fünften Wähler eine wichtige Rolle.
Die Koalitionen: Wer mit wem möchte
Rund die Hälfte der Deutschen wünscht sich eine Beteiligung der Grünen an der nächsten Regierung. Vor allem die unter 30-Jährigen und formal höher Gebildeten seien dafür, ergab eine Erhebung des Magazins „Stern“. Doch eine mehrheitsfähige Regierung könnten die Grünen nur mit Union und FDP bilden – und die erreichen möglicherweise schon zu zweit eine knappe Mehrheit.
Sichere Mehrheiten hätte auch eine weiter große Koalition, der sich bei SPD und CDU/CSU bislang niemand verschlossen hat. Schulz hat im TV-Duell zwar auch ein Zusammengehen mit der Linken nicht klar abgelehnt. Aber diese Frage stellt sich womöglich ohnehin nicht: Von einer Mehrheit ist Rot-Rot-Grün wohl weit entfernt.
Die Termine: Was nun wichtig wird
Die Termindichte der Spitzenkandidaten nimmt weiter zu: einerseits auf den Marktplätzen, andererseits im Fernsehen. Am Montag ist Merkel in der ARD-„Wahlarena“, wo sie 150 Fragen von Bürgern beantworten soll. Eine Woche später kommt Schulz. Am Dienstag hat der SPD-Kandidat zudem einen Termin in der ZDF-Sendung „Klartext“, die Kanzlerin einen Tag später. dor/dpa