In Berlin feixen schon die Zyniker: Wenn das so weitergehe, werde die SPD in zwei Wochen bei der Bundestagswahl noch in das spannende Rennen um Platz 3 eingreifen. Auf den irrationalen Höhenflug im Frühjahr folgt nun ein nicht minder irrationaler Absturz der Genossen, der – setzt sich der Trend fort – mit dem schlechtesten Wahlergebnis ihrer Geschichte enden könnte. Und als wäre das für den wacker kämpfenden Martin Schulz nicht schon bestürzend genug, steigt der einst selbst in der SPD geradezu verhasste Sigmar Gabriel in für Außenminister typische Beliebtheitssphären auf. Welche Ironie!
Doch geht es um Schulz oder Gabriel? Letztlich konnte keiner von beiden das Grundproblem der Nach-Agenda-SPD lösen, die auch 2017 nicht weiß, wofür sie stehen will. Für einen glaubwürdigen Gerechtigkeitswahlkampf müsste sie die eigenen sozialen Erfolge in der Großen Koalition verleugnen. Für eine moderne Zukunfts- und Großstadtpartei schielt sie zu sehr auf traditionelle Wählergruppen. Und wenn Schulz im Schlussspurt versucht, die SPD als Bildungspartei zu etablieren, vergisst er offenbar, dass es bei der Bildung überall dort besonders brennt, wo die SPD regiert(e). Letztlich überzeugt nichts davon.
Die Umfrage-Krise ereilt die Partei zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Noch bleiben zwei Wochen. Aber es fehlt einem die Fantasie, wie eine zunehmend entmutigte Partei, von deren Wahlkampf man in Bayern wenig mitbekommt, noch die Trendwende erzwingen könnte. Spannender dürfte es nach dem 24. September werden. Je schlechter das Ergebnis der Genossen ausfällt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich die Partei auf vier weitere Jahre in einer Großen Koalition einlässt. Auch ein größerer personeller Umbruch ist nicht mehr ausgeschlossen. Das Problem: Nur drei Wochen später muss die Partei um die Macht in Niedersachsen kämpfen. Für eine ehrliche Phase der Selbstfindung bleibt keine Zeit.
Mike Schier
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