Zwei Wochen vor der Bundestagswahl

So schaut die Welt auf die deutsche Wahl

von Redaktion

Washington – So oft wie Donald Trump die Bundeskanzlerin während des Präsidentschaftswahlkampfs kritisierte, so selten erwähnt er sie im Moment. Während der US-Präsident seinen Landsleuten vor den Wahlen in Frankreich atemlos riet, genau hinzuschauen, was dort geschehe (und dann nicht eintrat), hält er sich vor dem deutschen Urnengang zurück. Seine Seelenverwandten von der AfD sind weit davon entfernt, Merkels Macht zu gefährden.

Der deutsche Wahlkampf sei „langweilig“, postuliert „Bloomberg“-Kolumnist Leonid Bershidsky und fügt hinzu, dies sei ein seltenes Zeichen von Stärke. „Die deutsche Presse sollte ihre Kritik zügeln. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass die beiden führenden Politiker – beides Zentristen mit massiver öffentlicher Unterstützung – über ihre Witze schmunzeln und zustimmend nicken, wenn der andere spricht.“

Anerkennung für Merkels Geschick gibt es von Melissa Eddy in der „New York Times“. Die Entscheidung von 2015, fast eine Million Flüchtlinge ins Land zu lassen, habe die Kanzlerin verwundbar gemacht. Durch eine Serie an Kurskorrekturen habe sie es aber geschafft, aus dem Thema die Luft rauszulassen. Statt von links und rechts in die Mangel genommen zu werden, sei Merkels Position vor der Wahl sicher. Sie habe die Ängste der Deutschen beruhigt und es weniger attraktiv gemacht, Proteststimmen abzugeben. Thomas Spang Rom – Im politischen Rom blickt man entspannt auf den Wahltermin in Deutschland. Niemand bezweifelt, dass der Regierungschef auch nach dem 24. September Angela Merkel heißen wird. Und das, obwohl Martin Schulz in Italien seit Jahren ein bekanntes Gesicht ist: Der Kanzlerkandidat dürfte der einzige deutsche Spitzenpolitiker sein, der fähig ist, vor den Kameras ein Statement in perfektem Italienisch abzugeben. Das kommt an.

Unvergessen auch die Episode, als sich Schulz – damals noch Fraktionschef der Sozialdemokraten in Straßburg – im Plenum ein hitziges Wortgefecht mit Silvio Berlusconi (damals Regierungschef) lieferte. In dessen Verlauf hatte der Medienmogul Schulz „Nazitugenden“ unterstellt und für Entrüstung gesorgt.

Trotzdem: Politik und Medien setzen auf Stabilität in Berlin. Mit der amtierenden Kanzlerin weiß man, woran man ist. Am Tag nach dem TV-Duell resümierte das Magazin „Panorama“: „Debatte und bisheriger Verlauf des Wahlkampfes zeigen die politische Zukunft Deutschlands auf: Das Schlüsselwort lautet Kontinuität.“

Auch in der Öffentlichkeit hat sich das Bild der Kanzlerin bemerkenswert verbessert. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise noch als hässliches Gesicht der Austeritätspolitik geschmäht, heißt es inzwischen: „Könnt Ihr Deutschen uns nicht mal für zwei Jahre Eure Merkel ausleihen, um in Rom so richtig aufzuräumen?“ Ingo-Michael Feth

Wien – Österreichs Presse beobachtet den Wahlkampf mit Argusaugen. Gianluca Wallisch vom „Standard“ findet es interessant, „dass im Gegensatz zu Österreich, wo derzeit ein offenes Rennen stattfindet, in Deutschland alles auf eine Fortführung der Kanzlerschaft durch Angela Merkel abzielt“. Wallisch mag „die Sachlichkeit und den Umgangston“ in der Politik. Evelyn Peternel vom „Kurier“ findet, dass „in Österreich die Bundeskanzlerwahl komplett hochgejazzt wird, während in Deutschland das Land auf Stabilität setzt“. Mit Sebastian Kurz trete erstmals frischer Wind an – „in Deutschland glaubt man an Altbewährtes“.

Alexander Dworzak von der „Wiener Zeitung“ sieht das anders: Der Kampf ums Kanzleramt sei an Langeweile nicht zu überbieten. „Martin Schulz kommuniziert nicht gut und gerät oft in Argumentationsnotstand.“ Dworzak glaubt, Merkel und Kurz seien sich in einem Punkt sehr ähnlich. „Sie sind beide extrem bedacht auf das vorteilhafte Setting ihrer Themen und sagen bei TV-Konfrontationen nicht mehr, als sie wollen.“ Judith Grohmann

Paris – Im eigenen Wahlkampf packen die Franzosen gerne den Degen aus. Deshalb ringt ihnen das Duett Merkel-Schulz nur ein Gähnen ab. Zum TV-Duell schrieb der Korrespondent des Senders „France 2“ auf Twitter: „Wenn Sie Probleme haben, einzuschlafen, schauen Sie sich Schulz-Merkel an.“ Die Zeitung „Le Monde“ fasst die Wahlkämpfe seit 2009 so zusammen: „Die Frage ist nie gewesen, ob Angela Merkel die Wahlen gewinnt, sondern mit wem sie regieren wird.“ Darüber wird natürlich spekuliert. Die linksliberale „Libération“ sieht vor allem die Grünen im Flirt-Modus. Merkel, heißt es, sei für sie eine „Versuchung“.

Grundsätzlich blicken die Franzosen fasziniert auf die Kanzlerin. Weil sie zum Markenzeichen Deutschlands geworden ist. Und wegen ihrer politischen Langlebigkeit, die in Frankreich nur schwer möglich wäre. Nicht umsonst trägt eine neue Biografie den Titel „Angela Merkel, das politische Ufo“. Man staunt und kennt doch die Gründe. Biografin Marion van Renterghem sagte: „Die Deutschen, denen es insgesamt ganz gut zu gehen scheint, lieben die Stabilität.“ Wie offenbar auch Präsident Emmanuel Macron. Schulz mag ihn „Freund“ nennen, aber Macron verliert kein böses Wort über Merkel. Er scheint mit ihr zu planen.

Sorgen bereiten den Nachbarn aber die Aggressionen von rechts. Die Seite „Francetvinfo“ konstatiert zu den Pfeifkonzerten gegen Merkel, die Kampagne werde „immer heftiger“. Marcus MäckLer

London – In London haben sie derzeit anderes zu tun, als über die Bundestagswahl zu diskutieren. Und doch reizt der Kampf zwischen „Mummy“ Merkel (ja, auf der Insel haben sie den Spitznamen Mutti übernommen) und Martin Schulz die Kommentatoren – mit leichtem Vorteil für die Kanzlerin. Denn der SPD-Mann wird als noch größerer Brexit-Gegner wahrgenommen als Merkel. Die wiederum wird wegen ihres Rufs als stabilitätsstiftende Politikerin in unruhigen Zeiten geschätzt.

Andererseits halten sich die Briten auch mit Spott nicht zurück. Ein Kolumnist des „Telegraph“ schrieb kürzlich, Merkel führe einen „selbstgefälligen Wahlkampf, der selbst jenen von Theresa May aussehen lässt wie einen Wirbelsturm aus Charisma und Energie“. May, das muss man dazu wissen, wird von vielen als uninspiriert wahrgenommen.

Der „Guardian“ ist da gnädiger und glaubt, Mays Tories könnten sich eine Scheibe von Deutschland abschneiden. Mit seiner stabilen Marktwirtschaft und seinem sozialen Zusammenhalt sei es „der Gegenbeweis für alle Unkenrufe, liberale demokratische Werte und politischer Zentrismus“ seien tot. Allerdings gibt der Kommentator auch zu bedenken, dass allzu lange Kanzlerschaften selten glücklich enden. „Mummy Merkel steuert auf ihre Grossmutti-Jahre zu und sogar die Deutschen könnten ein Ende vor 2021 herbeisehnen.“ Marcus Mäckler

Athen – Die griechische Presse verfolgt den Wahlkampf neugierig, aber unaufgeregter als zu früheren Zeiten. Merkel liege erst recht nach dem TV-Duell klar vorn, analysiert das Blatt „Ta Nea“, warnt aber vor dem hohen Anteil Unentschlossener – 46 Prozent so kurz vor den Wahlen. „Wer sind sie? Warum stimmen sie nicht ab?“ Der Kommentator von „Kathimerini“ hingegen gähnt nach dem „farblosen Duell“, nun sei nur noch die Frage, ob „Merkel oder Merkel“ die Wahl gewinne. Ihre rhetorischen Fähigkeiten seien nicht so groß, ihre Bewegungen mitunter ungelenk, aber ihre Führungsstärke und die Fähigkeiten zum Ausgleich umso größer.

Christian Deutschländer

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