Wien – Die jüngsten Atomwaffentests in Nordkorea ängstigen die Welt. Der Ton zwischen dem Regime in Pjöngjang und den USA verschärft sich. Im Interview erklärt Nordkorea-Experte Rüdiger Frank, wie der Konflikt möglicherweise gelöst werden könnte.
-Pjöngjang will nicht auf sein Atomprogramm verzichten. Will Staatschef Kim Jong Un überhaupt verhandeln?
Nordkorea will auf jeden Fall reden. Das Atomprogramm ist ja kein Selbstzweck. Es soll Nordkoreas Verhandlungsposition stärken, um Kim Jong Uns eigentliche Ziele zu erreichen.
-Welche Ziele sind das?
An oberster Stelle langfristig eine koreanische Wiedervereinigung in Form einer Konföderation. Auf dem Weg dahin will Nordkorea einen Friedensvertrag mit den USA, eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit Washington und vor allem den Zugang zum Weltmarkt für Güter und Finanzmittel. Als nächstes steht der Aufbau der nordkoreanischen Wirtschaft auf dem Plan. Für all das sieht Kim Jong Un jedoch eine glaubwürdige atomare Abschreckung als die Ausgangsvoraussetzung an. Und darum verfolgt er dieses Ziel auch so beharrlich.
-Nordkorea sieht den Konflikt auch als Kräftemessen mit den USA. Unterschätzt Pjöngjang eine mögliche militärische Antwort von US-Präsident Donald Trump?
Hier ist viel Rhetorik im Spiel. Nordkorea möchte sich gern als David im Kampf gegen Goliath darstellen – und zwar sowohl den eigenen Leuten gegenüber als auch international. Man hat in Pjöngjang schnell erkannt, dass Donald Trump international nicht sehr populär ist, und nutzt diesen Umstand für die Propaganda. Faktisch geht es aber primär um ein verbales Kräftemessen. Wirtschaftlich und militärisch hat Nordkorea gegen die USA keine Chance, und das weiß die Führung dort auch sehr genau.
-Werden Sanktionen, wie etwa ein Öl-Embargo, Druck auf die Führung ausüben können?
Ein Öl-Embargo wäre schmerzhaft, aber nicht für das Militär. Die Nordkoreaner sind ja nicht dumm, sie erwarten so ein Embargo schon sehr lange und sind entsprechend vorbereitet. Es gibt Reserven. Diese Sanktion würden das einfache Volk treffen – und zwar hart. Das geht bis hin zu Nahrungsmittelknappheit, weil Erdöl etwa ein wichtiger Grundstoff für die Düngemittelproduktion ist.
-Sehen Sie in den kommenden Wochen und Monaten eine weitere Eskalation der Situation?
Nordkorea wird versuchen, den Druck aufrechtzuerhalten, solange Donald Trump seinen Kurs noch nicht wirklich festgelegt hat. Außerdem werden die Nordkoreaner ihre Tests völlig unabhängig davon solange fortsetzen, bis sie eine glaubhafte Abschreckung besitzen. Die Amerikaner wiederum werden ihre Militärmanöver nicht aufgeben. Darüber hinaus dürfte auch die Rivalität zwischen Washington und Peking nicht besser werden, und darum geht es ja eigentlich bei diesem Konflikt.
-Welchen Ausweg aus der Krise gibt es?
Möglichkeit eins: Nordkorea kollabiert. Dann wäre diese Krise vorbei, es würden aber sofort andere, erhebliche Probleme und Risikofaktoren auftreten. Möglichkeit zwei: Die USA springen über ihren eigenen Schatten und fangen an, mit Nordkorea über eine vernünftige Regelung von deren Status als Atommacht zu verhandeln. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Letztlich dürfte es darauf hinauslaufen, dass alles so weitergeht wie bisher, verbunden mit der Hoffnung, dass niemand zu weit geht. Dabei bleiben dabei die Menschen und die Menschenrechte in Nordkorea auf der Strecke, über die in den letzten Monaten erschreckend wenig gesprochen worden ist.
-Warum geht uns der Konflikt in Deutschland und Europa überhaupt etwas an – und welche Rolle sollte die EU einnehmen?
Die EU hat erhebliche wirtschaftliche Interessen in der Region, mit Ländern wie Südkorea und Japan. Ein Konflikt in Korea wäre für uns sehr teuer, und er würde sich vermutlich global ausweiten, da die USA und China und eventuell auch Russland aneinandergeraten werden. Das ist definitiv nicht in unserem Sinne. Derzeit ist die EU jedoch mit der Schuldenkrise, der Flüchtlingsproblematik und dem Brexit mehr als beschäftigt.
-Können Sie einschätzen, wie weit die Nordkoreaner hinter der Politik der Führung stehen?
Es gibt Risse, das habe ich vor Ort erlebt. Sie sind eine Folge der marktwirtschaftlichen Reformen, die um das Jahr 2000 begonnen haben. Die Wohlstandsschere geht immer weiter auseinander. Und das in einem Land, das auf der Idee von Gleichheit aufgebaut ist. So etwas schafft große Probleme. Andererseits werden Sie keinen Koreaner finden, der nicht sofort alles opfern würde, um die Unabhängigkeit des Landes zu schützen. Die Führung erzählt den Menschen: Wir müssen alles tun, um uns gegen die Aggression der Amerikaner zu wehren.
-Was bedeutet das für den harten Kurs des Westens gegen Nordkorea?
Ich halte diesen Kurs für falsch. Er stärkt die nordkoreanische Führung innenpolitisch. Den Ostblock hat man seinerzeit durch eine Kombination aus wirtschaftlicher Kooperation und Wettrüsten zu Fall gebracht. Im Falle Nordkoreas lassen wir die Hälfte weg und wundern uns dann, warum es nicht funktioniert.
Interview: S. Walder & D. Godder