Ausgerechnet geifernde „Hau ab“-Krakeler am Rande der Merkel-Kundgebungen vor allem im Osten dienen jetzt als Kronzeugen für eine Verrohung oder einen angeblichen Rechtsruck in der Gesellschaft. Nanu, es brodele wegen der Flüchtlingspolitik im Land, stellen Hauptstadtjournalisten und -Politiker erstaunt fest. Mit Verlaub: Man muss schon viel Zeit unter der Berliner Käseglocke verbracht haben, um das erst jetzt zu merken.
Was gefährlicher ist als die Plärrer: Unmut hegen auch Menschen in der Mitte, die differenziert denken, Argumente wägen und vieles an Merkel gut finden – nicht aber ihr Handeln und Unterlassen in der Flüchtlingskrise, das Versagen zentraler Minister und den Totalausfall der Kontrollinstanz Bundestag. Sie hadern leise damit, kaum Alternativen zu haben: Schulz als Merkel-Kopie? Die FDP mit frischem Wind, die aber doch Merkel zur Mehrheit helfen wird? Die CSU, die die Kanzlerin erst bremste, sich ihr dann unterwarf? Die AfD, offenkundig viel tiefer als nur von ihren Höcke-Rändern her übel stinkend?
Dieser Vertrauensverlust ist – noch – heilbar. Das dauert aber, auch weil die Union viel Zeit damit vertrödelte, wider besseres Wissen jegliche Kritik an der Kanzlerin zu negieren. Die Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft verdient mehr Aufmerksamkeit als die Unflätigkeiten jenseits des demokratischen Spektrums.
Christian Deutschländer
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