Washington – Wenn alles nach dem Lebensplan der Hillary Clinton gelaufen wäre, würde sie jetzt seit acht Monaten mit ihrem Bill im so vertrauten Weißen Haus sitzen, als erste Frau im Präsidentenamt der USA. Donald Trump würde weiter mit Immobilien jonglieren, Kontrahenten mit Anwälten unter Druck setzen und die meiste Zeit beim Golfen verbringen. Doch dann kam, am Wahlabend des 8. November 2016, alles anders – und Amerikas Wutbürger zeigten den in allen Umfragen favorisierten Clintons die Rote Karte.
Nun hat sich Hillary Clinton in ihrem seit Dienstag in den US-Buchläden erhältlichen Werk „What happened“ („Was geschah“) an einer Aufarbeitung dieser für sie enormen Tragödie versucht. Was dabei herausgekommen ist, passt zu den Clintons, für die Aufrichtigkeit in ihren von vielen Skandalen begleiteten Leben selten ein Faktor war. Denn sie macht in dem Buch – ebenso wie in einem parallel im Magazin „Time“ veröffentlichten Beitrag – klar, dass sie sich als Opfer sieht und vielen bösen Mächten ausgesetzt war.
Das Selbstmitleid-Vollbad beginnt mit der These, dass „Sexismus und Frauenhass in Amerika endemisch“ seien, also tief verwurzelt. Doch warum hat sie, wenn diese Behauptung zu ihrer Niederlage beigetragen haben soll, sogar die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen erhalten – und am Ende nur aufgrund des Bundesstaaten-Wahlmännersystems verloren? Zum falschen Schluss kommt die Demokratin auch mit ihrer Analyse, ihre spektakulär unklugen Aussagen über die Anhänger Trumps seien partout nicht ihr anzulasten. Clinton hatte die Wähler des Republikaners 2016 in einen „Korb der Bedauernswerten“ gelegt und damit im Prinzip große Teile der Arbeiterklasse beleidigt. Ihre Pirouette: Diese Menschen hätten sich nicht attackiert fühlen dürfen, weil sie doch nur die Wahrheit gesagt habe.
Die Wahrheit wäre aber auch, wenn Clinton zugeben würde: Ihr Wahlkampfteam und sie als Kandidatin haben versagt, weil sie entscheidende Bundesstaaten wie Wisconsin oder Michigan vernachlässigt und gedacht hatten, die Wähler in diesen Regionen in der Tasche zu haben. Das war am Ende das Zünglein an der Waage. Und: Wo Clinton auftrat, gab es kaum Begeisterung und oft halbleere Säle.
Statt Selbsterkenntnis liefert die Gescheiterte weitere Sündenböcke. Da ist natürlich der später von Präsident Trump gefeuerte Ex-FBI-Chef James Comey, der die E-Mail-Affäre der früheren Außenministerin kurz vor der Wahl noch einmal zum Thema gemacht hatte. Doch wie kam es dazu? Clintons engste Mitarbeiterin Huma Abedin hatte leichtsinnig vertrauliche Amts-E-Mails der Ministerin zum Ausdrucken auf den Laptop ihres sexsüchtigen Gatten geschickt, der eine Affäre mit einer Minderjährigen via Internet anzetteln wollte und so dem FBI auffiel.
Um ihre Argumentation überzeugender zu machen, spricht die Demokratin auch von einer „Wähler-Unterdrückung“, die die Republikaner auf Afro-Amerikaner und junge Wähler ausgerichtet hätten. Doch dafür gibt es kein überzeugendes Indiz. Jungwähler waren vielmehr zu Clintons parteiinternem Konkurrenten Bernie Sanders geströmt, weil sie die Bewerberin lediglich als Kandidatin des alten und gerne korrupten Washington sahen. Die Parteispitze wiederum versuchte, die Kandidatur von Sanders zugunsten Clintons zu torpedieren.
Natürlich gehören die Russland-Verbindungen Trumps auch zur Aufzählung der Hürden, die man ihr in den Weg gestellt habe. Einen „ausländischen Gegner“ sieht Clinton, der „erfolgreich die Wahl beeinflusst hat“. Doch „Wikileaks“ – dessen Quellen bis heute nicht eindeutig klar sind – sorgte mit seinen Veröffentlichungen von Clinton-E-Mails und exzellent bezahlten Reden an der Wall Street lediglich für jene Transparenz, die die Kandidatin dem Volk stets verweigert hatte.
Der Server im Keller ihrer Villa, über den die Ministerin ohne Genehmigung des Weißen Hauses einst alle Dienst-Mails liefen ließ, damit sie niemandem zugänglich waren – diese Quelle des Übels geht allein auf Clintons Kappe. Friedemann Diederichs