München – Der Beistand von oben kommt total unerwartet. Martin Schulz steht im Wintermantel auf der Bühne vor dem Münchner Rathaus. Der Wind pfeift kalt, der Regen tröpfelt und auf dem Marienplatz öffnen sich die Schirme. Schulz hat sich warmgeredet, schimpft über das Zwei-Prozent-Ziel der Nato. „Die Merkel hat das einfach abgenickt“, ruft er und der Satz ist noch nicht ganz verklungen, als hinter ihm eine Glocke ertönt. Wie ein Erlöster schaut er dann nach oben und sagt: „Angie, hör’ die Glocken.“
Kurz vor der Wahl tourt der Kanzlerkandidat der SPD noch mal durch die Republik: nachmittags Braunschweig, jetzt, in der Dämmerung, München. So geht das bis zum Samstag vor der Wahl weiter, eine Ochsentour. Aber für Schulz bitter nötig. Es ist die letzte Chance, im Kampf ums Kanzleramt Boden gutzumachen – und gegen das Gefühl anzureden, dass diese Wahl eh längst gelaufen ist. Das ist schwer genug: Der ARD-Deutschlandtrend sieht die SPD bei 20 Prozent. Würde die Partei am Wahltag dort landen, wäre das ein Desaster.
Die Genossen wissen natürlich, dass die Ausgangsposition schlecht ist. Aber ihr Kandidat lässt sich die miesen Umfragewerte nicht anmerken. Stattdessen gibt er sich demonstrativ kämpferisch und setzt sich rhetorisch offensiver als bisher von Angela Merkel und der Union ab. Aus den ersten Reihen bekommt er viel Beifall. Es sind Reihen, in denen SPD-Fahnen wehen.
Neues enthält Schulz’ Rede aber nicht. Er spricht über Rente, Arbeit, Bildung, Glasfaser und kaputte Schulklos. Er verspricht, die Mietpreisbremse zu verschärfen und die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen durchzusetzen. Es sind genau die Themen, mit denen er seit Wochen versucht, die Wähler zu packen – ohne einen Stich zu machen. Auch die kleinen Attacken zünden bisher nicht wirklich. Die Forderung an die Kanzlerin nach einem zweiten TV-Duell bügelte die CDU-Zentrale schnell ab. Merkel antwortete nicht mal persönlich.
Auch in München erwähnt Schulz das – und nutzt die Absage geschickt, um seine Forderung zu erneuern. „Zu Wasser, zu Lande oder in der Luft: Ich stehe zur Verfügung für ein neues Duell, das den Namen auch verdient hat.“ Immer wieder stichelt er gegen das „so genannte Duell“ und tut manchmal so, als sei er selbst nicht dabei gewesen. Man darf annehmen, dass auch er nicht mit einer zweiten Konfrontation rechnet. Aber er will Merkel als Drückebergerin entlarven.
Schulz Auftritt scheint anzukommen. Je länger die Rede dauert, desto lauter wird der Applaus auch in den hinteren Reihen. Ein Polizist schätzt, dass rund 1000 Leute gekommen sind. Manche Zuhörer bleiben im Vorbeigehen hängen, andere sind extra wegen Schulz gekommen. Studentin Carolina Brandt aus Garching (Kreis München) zum Beispiel. „Ich würde mir mehr Konfrontation wünschen“, sagt die 21-Jährige. Dass Schulz noch gewinnen kann, glaubt sie nicht. So sehen es viele, die gekommen sind. „Er kann gut reden“, sagt Hendrik Hein. „Eine Option ist er für mich auf jeden Fall.“ Aber auch der Rentner ist skeptisch, ob Schulz am 24. September noch etwas reißen kann.
Der Kandidat selbst will jedenfalls zeigen, dass er sich noch nicht aus dem Wahlkampf verabschiedet hat. Der Union ruft er zu: „Freut euch nicht zu früh. Ihr kriegt uns nicht klein.“ Es klingt eher wie ein Gebet als ein Schlachtruf. Natürlich muss Schulz Zuversicht verkörpern, gerade jetzt. Aber er ist realistisch genug, für den Fall einer Niederlage vorzubauen. Gestern sagte er dem SWR, er wolle unabhängig vom Wahlergebnis SPD-Vorsitzender bleiben. Man darf das als Ansage an die Genossen verstehen. Sie heißt: Ich bin nach der Wahl nicht verbrannt.