München – Die Kanzlerin verzog keine Miene, als ihr schon bei der Ankunft in Rosenheim das Pfeifkonzert entgegenschlug. Zu Umstehenden sagte Angela Merkel (CDU) leise, sie kenne viele der Protestierer inzwischen vom Sehen. Sie reisten ihr hinterher, von Marktplatz zu Marktplatz. Tatsächlich organisiert sich ein Kreis von Merkel-Gegnern im Internet, um auf möglichst allen Kundgebungen präsent zu sein.
Hinter den Kampagnen stehen unter anderem AfD, NPD und lokale rechte Bündnisse, die von islamfeindlichen Plattformen unterstützt werden. „Merkel muss weg“, betitelt die AfD Kundgebungen auf Facebook. „Der Kanzlerin den Auftritt versüßen“, schreibt die NPD. „Merkel die Tour versauen“, nennt es die rechtsextreme Kleinpartei „Bürgerbewegung pro Deutschland“. Zudem sprechen Gegner unter dem Hashtag „#merkelwegpfeifen“ Termine ab, von Cloppenburg im August bis München am Freitag vor der Wahl. Sie tauschen sich über Polizeipräsenz und Absperrungen aus, beraten Strategien, um möglichst nah an die Bühne zu kommen.
Der Wahlkampf-Organisator von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland sagte laut der „Zeit“, die Partei unterstütze regelmäßig Kundgebungen. „Bei der AfD gehört es zum Pflichtprogramm, zu Veranstaltungen mit Regierungspolitikern zu fahren.“ Der jeweilige Kreisverband melde eine Gegendemo an, der Landesverband verschicke dann E-Mails an alle Mitglieder mit der Einladung. Auf Nachfrage unserer Zeitung relativiert der Mitarbeiter: Auf Bundesebene gebe es keine Demo-Strategie, für den Wahlkampf seien die Landesverbände zuständig.
In Bayern leite der Verband keine Einladungs-Mails weiter, sagt AfD-Chef Petr Bystron. „Das wird auf lokaler Ebene organisiert, aber natürlich demonstrieren wir.“ Und zwar „völlig transparent“ mit AfD-Bannern. „Die AfD und andere Gruppen seien „sozusagen ein buntes Bündnis gegen Merkel“, so wie sich auch Gegenbündnisse zu AfD-Demos formieren würden.
Neben ihrer Abscheu für die Kanzlerin treibt die Demonstranten an, dass sie in Merkels Nähe mehr Aufmerksamkeit erhalten als an eigenen Wahlkampfständen. Das bemerkte die Partei am 13. August in Hessen, der zweiten Station von Merkels Wahlkampftour. „Nachahmung empfohlen“, schrieb die hessische AfD-Spitzenkandidatin nach dem medialen Echo. Im Folgenden gab es eine immer höhere Beteiligung – mit Mahnwachen, Pfeifkonzerten und Tomatenwürfen. Zu einer Veranstaltung reisten AfD-Mitglieder mit dem Wahlkampfbus.
Dass Kanzlern Protest entgegenschlägt, ist nicht neu. Während Merkel meist aus dem rechten Lager attackiert wird, kam der Krach bei ihrem CDU-Vorgänger Helmut Kohl von links. Besonders in Erinnerung blieb eine Szene vom Mai 1993 in Halle (Sachsen-Anhalt). Demonstranten riefen nicht nur „Lügner, Lügner“, sondern bewarfen Kohl auch mit Eiern, Tomaten und Farbbeuteln. Der Kanzler reagierte impulsiv, rannte zur Gruppe und versuchte, sich die Pöbler im wahrsten Sinne des Wortes zur Brust zu nehmen. Über ein Absperrgitter begann er eine Rangelei. Den Leibwächtern gelang es nur mit Mühe, Kohl wegzuzerren.
Merkel reagiert anders – auf ihre bekannte, stoisch-ruhige Art. Sie äußert sich aus sicherer Distanz von der Bühne aus, zum Beispiel in Rosenheim. Man löse Probleme nicht, „wenn man sich einfach hinstellt und schreit“, sagte sie dort. dor/cd