Berlin – An kämpferischem Optimismus mangelt es bei den Grünen nicht – eine Woche vor der Bundestagswahl und bei immer noch mageren Umfragewerten für die Ökopartei. Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt jedenfalls ist sich ganz sicher: „Am nächsten Sonntag“, ruft sie der verunsicherten Basis auf dem Parteitag zu, „werden wir so’n richtigen, richtigen Überraschungscoup landen“.
Göring-Eckardt macht sich vor dem Wahlkampf-Endspurt damit selbst Mut. Denn für die Grünen wird es auf den letzten Metern schwer, am Sonntag ein zweistelliges Ergebnis einzufahren und doch noch drittstärkste Kraft zu werden. Es wäre der „Überraschungscoup“, von dem Göring-Eckardt und Grünen-Spitzenmann Cem Özdemir träumen. Nach aktuellen Umfragen ist es eher ein Hoffen auf ein Wunder. Am Ende könnte es sogar passieren, dass die Grünen noch unter ihr mageres Ergebnis von 8,4 Prozent bei der Wahlschlappe 2013 fallen. Die Folge wären: weniger Abgeordnete und zumindest in Bayern mit Margarete Bause ein prominentes Opfer. Die langjährige Fraktionschefin im Landtag bliebe der Umzug nach Berlin verwehrt.
Beim Drei-Stunden-Parteitag der Grünen im früheren Gasometer Schöneberg feuern Spitzenleute die Basis daher vor allem mit Schlagworten wie „Mut“ und „Richtungsentscheidung“ an – oder mit Appellen wie „Es kommt diesmal wirklich auf Alles an“ und „dieser Endspurt wird wirklich hart“. Noch sei nichts entschieden, versucht das Spitzenduo die Partei aufzumuntern. Immerhin wünsche sich ja jeder zweite Deutsche eine Regierungsbeteiligung der Grünen. Der andere Strohhalm: 40 Prozent seien noch unentschieden.
So herrscht zumindest vor dem Endspurt seltene Harmonie. Streit und Gegenanträge zum Wahlaufruf des Spitzenduos gibt es beim Parteitag nicht. Das Signal: Geschlossen, aber nicht verschlossen. Denn die Grünen wollen endlich wieder auch im Bund regieren. Das können sie nach den Umfragen aber nur an der Seite von Union und FDP in einem „Jamaika“-Bündnis. Sowohl Grüne als auch FDP sind aktuell zu schwach, um allein mit CDU/CSU regieren zu können. „Jamaika“-Begeisterung herrscht aber weder bei Grünen noch bei Liberalen.
Natürlich attackiert man lautstark die Liberalen, die zeitgleich nur ein paar Kilometer weiter zum Kampf um Platz drei blasen (siehe oben). Aktuell liegt die FDP weiter leicht vor den Grünen, aber ebenfalls hinter Linken und AfD. Daher stehen sich Liberale und Grüne letztlich näher, als ihnen lieb ist. Bleibt es bei den bisherigen Zustimmungswerten, könnten sie das Schicksal teilen: entweder in der Opposition landen oder mitregieren.
So belassen es die Grünen vor dem Showdown beim üblichen politischen Schlagabtausch mit der FDP – denen sie „Realitätsverweigerung“ vorwerfen. Oder sie lästern über die „One-Man-Show“ des FDP-Chefs Christian Lindner. Es gibt auch ein paar Seitenhiebe auf die „Kollegen in der Sonnenallee“, wie Özdemir sagt. Auf allzu scharfe Angriffe aber verzichten die Spitzen-Grünen, um mögliche Koalitionsgespräche nicht schon von vornherein unmöglich zu machen. Für Özdemir sind die Mitbewerber keine Feinde.
Göring-Eckardt stimmt die Basis jedenfalls bereits auf „verdammt schwierige Koalitionsgespräche“ ein. Und Özdemir zieht dafür zumindest Leitplanken: Ohne Klimaschutz und eine wertegeleitete Außenpolitik werde es mit den Grünen nicht klappen. Ansonsten, so sagt Cem Özdemir, gehe man „erhobenen Hauptes“ eben in die Opposition. André Stahl