Der Endspurt hat begonnen: Mit ihren Parteitagen haben Grüne und FDP am Wochenende noch einmal den Fokus auf das Rennen um den dritten Platz gelenkt. In diesem seltsamen Wahlkampf, der abwechselnd zwischen den konträren Etikettierungen „langweilig“ und „vergiftet“ schwankt, ziehen die Kleinen ungewöhnlich große Aufmerksamkeit auf sich. Allen voran die AfD, die mit ihren gezielt eingesetzten, schlagzeilenträchtigen Provokationen ihre zwischenzeitliche Krise vergessen ließ.
Ihren Aufschwung speist die Partei aber nicht aus eigener Stärke, sondern aus der Parteienkonstellation: SPD, FDP, ja selbst die Grünen – es scheint nur noch eine Frage des genauen Ergebnisses, welche dieser Parteien in den kommenden vier Jahren mit (und vor allem: unter) Angela Merkel regiert. Im Umkehrschluss heißt das: Wer die Kanzlerin wirklich abwählen will, muss sich an den Rändern des politischen Spektrums umsehen. Deshalb kann sich die Linke weiter behaupten, obwohl ihr die AfD im Osten den Status als Protestpartei abgelaufen hat. Und nur deshalb suchen auch normale Konservative bei einer AfD Zuflucht, deren Spitzenkandidatin schon mal Mitglieder der Bundesregierung als „Verfassungsfeinde“, „Marionetten der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs“ oder einfach als „Schweine“ bezeichnet.
Vielleicht ist es ja dem Werben um diese Merkel-Skeptiker zuzuschreiben, dass zuletzt alle potenziellen Partner der Kanzlerin die Bedingungen für eine Koalition immer höher schrauben. Vor allem Grüne und FDP reden die Chancen auf „Jamaika“ täglich kleiner. So, als wäre dem Land mit vier weiteren Jahren Großer Koalition oder gar Neuwahlen besser gedient. Was für ein Unsinn! In einer Woche, wenn das Ergebnis auf dem Tisch liegt, sollten sich FDP und Grüne ihrer Verantwortung sehr genau besinnen. Denn die eigentliche Nachricht lautet, dass rund 80 Prozent der Wähler für Weltoffenheit, Europa, Menschenrechte und einen verantwortungsvollen deutschen Umgang mit dem Megathema Flucht stimmen werden. Und diese 80 Prozent erwarten einen seriösen Umgang mit ihren Stimmen – also eine ernsthafte und vor allem ergebnissoffene Prüfung aller Koalitionen der Mitte.
Mike Schier
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