München – Der Krankenpfleger Alexander Jorde hat seine Schicht getauscht, um das Thema Pflege endlich aufs Wahlkampf-Tableau zu heben. Spätdienst im Fernsehstudio statt Frühdienst im Krankenhaus. In der ARD-„Wahlarena“ hatte der 21- Jährige vergangene Woche Kanzlerin Angela Merkel während der Livesendung eine Frage gestellt, die viel über seine tägliche Wirklichkeit erzählte. Von überlastetem Personal, von Menschen, die gezwungen sind, in ihren Ausscheidungen zu liegen, und von deren Würde, die tagtäglich „tausendfach verletzt“ werde. Im Internet bekam Jorde dafür jede Menge Lob – und viel Aufmerksamkeit in den Wahlkampfzentralen.
Pflegeberufe müssten besser bezahlt und aufgewertet werden, sagte Merkel nach dieser Begegnung. Und verwies zudem auf erreichte Erfolge – der aufgestockte Pflegebeitrag zum Beispiel, die Neuordnung der Ausbildung. Aber klar, es bleibe viel zu tun.
SPD-Kandidat Martin Schulz versprach, die bessere Pflege alter Menschen zu einer zentralen Staatsaufgabe der nächsten Legislaturperiode zu machen. „Wir haben milliardenschwere Überschüsse in den Haushalten – und keinen Platz für Demenzstationen. Das wird geändert.“ Der SPD-Vorsitzende sagte am Montagabend einen „Neustart in der Pflege“ in seinen ersten 100 Tagen als Kanzler zu – 30 Prozent höhere Gehälter, deutlich höhere Staatsinvestitionen, mehr Plätze. Schulz sprach auch von der Menschenwürde, die in der Pflege so oft „mit Füßen getreten“ werde.
Kurz vor dem Wahltermin rückt das Problem also ins Rampenlicht. Doch wie sieht es aktuell eigentlich aus?
In der Pflege, insbesondere bei der schlecht bezahlten Altenpflege, droht ein gravierender Fachkräftemangel. Zugleich steigt die Zahl der Pflegebedürftigen weiter an: 2015 waren knapp 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig; bis 2060 wird mit 4,7 Millionen gerechnet. Auch die Krankenhäuser verzeichnen schon jetzt mehr alte Patienten, die an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden.
Dass dieses Thema, das ihn seit Jahrzehnten umtreibt, nun auf den letzten Metern doch noch Einzug in den Wahlkampf erhält, macht Claus Fussek allerdings wenig Hoffnung auf eine Besserung. Aus der Politik kämen auch diesmal nur Absichtserklärungen – für den Münchner Pflegekritiker nichts Neues. „Es gibt keine Konsequenzen“, sagt Fussek. Das Thema müsste stattdessen endlich Chefsache werden – auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Im Wahlkampf habe es dann im Prinzip auch nichts mehr verloren. Denn darüber, wie sie selbst im Alter einmal leben wollen, „sollten sich eigentlich alle einig sein“. Gäbe es beim Thema Pflege nur eine ähnliche Entschlossenheit wie beim Thema Dieselmotoren, „dann hätte ich Hoffnung“. Aber so ist es nicht, sagt Fussek.
Die Schuld sieht er nicht alleine bei der Politik. „Wo ist der Aufschrei der Kirche? Wo sind die Menschenrechtsgruppen? Wo bleibt der Aufstand der Pflegekräfte?“ Der junge Pfleger Jorde habe in der TV-Sendung doch nur gesagt, was doch eigentlich alle wüssten. Nur werde in Deutschland eben „kollektiv weggeschaut“, wenn es um die Pflege geht.
Das Einzige, was in Fusseks Augen helfen würde, die drohende Katastrophe abzuwenden, wären Sofortmaßnahmen. Zum einen müssten die Gehälter von Pflegekräften verbessert werden. Mehr Geld im System brauche es dazu nicht. „Es ist genug da“, sagt Fussek. Träger wie Wohlfahrtsverbände und Kirchen – in deren Aufsichtsräten oft Politiker sitzen – müssten lediglich bereit sein, mehr zu bezahlen.
Noch wichtiger aber sei, dass endlich Ehrlichkeit einkehre – bei allen Beteiligten. „Wenn sich Pflegekräfte und Angehörige solidarisieren, sind sie gemeinsam mächtiger als alle Lokführer oder Piloten“, sagt er. Stattdessen würden die Zustände bei der Dokumentation geschönt und die Heime hübsch gemacht, wenn Politiker-Besuch ansteht. Wirklich machtlos, sagt Fussek, seien am Ende nur die Pflegebedürftigen.