Sie schwieg lange und gemessen daran war das, was Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi der Welt gestern sagte, eine Enttäuschung. Kein Wort ehrlicher Reue über das, was in ihrem Land seit vier Wochen geschieht. UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach von „ethnischen Säuberungen“, 400 000 Menschen sind bereits ins Nachbarland Bangladesch geflohen. Und es drängt sich die Frage auf: Billigt die Friedensnobelpreisträgerin, die viele in einem Atemzug mit Gandhi oder Mandela nennen, die Verfolgung der muslimischen Rohingya?
Man müsse die „Gründe für den Exodus“ nach Bangladesch untersuchen, sagte die 72-Jährige. So harmlos der Satz daherkommt, so erschreckend ist er. Entweder weiß die Regierungschefin tatsächlich nicht, was in ihrem Land vorgeht. Oder sie weiß es sehr wohl, kann oder will Gewalt und Vertreibung aber nicht stoppen. Realitätsferne oder Tatenlosigkeit? Letzteres würde bedeuten, dass die Frau, die 15 Jahre lang im Hausarrest saß, die als Freiheitskämpferin berühmt wurde, inzwischen gemeinsame Sache mit dem noch immer mächtigen Militär macht.
Suu Kyis schöne Worte, sie wolle „Frieden statt Krieg“, zählen nicht, so lange Myanmar keine UN-Beobachter in die betroffenen Gebiete lässt. Darauf einzugehen, wäre ein Zeichen des ehrlichen Willens gewesen, im Dauerkonflikt zwischen buddhistischer Mehrheit und muslimischer Minderheit eine friedliche Lösung zu suchen. Stattdessen blockt die Regierung eine Untersuchung ab, so als habe sie etwas zu verbergen. Schlimm für eine Friedensnobelpreisträgerin. Noch schlimmer für ihr Land.
Marcus Mäckler
Sie erreichen den Autor unter
Marcus.Maeckler@ovb.net