Inzwischen ist ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten. Kurz nach dem Aufstehen pflegt der Herr US-Präsident die Welt via Twitter an seiner Morgenlaune teilhaben zu lassen. Die Erkenntnis: Das frühe Aufstehen scheint dem Mann nicht gut zu bekommen. Anfangs schlugen die Ausbrüche hohe Wellen; heute weiß man, dass Donald Trump das meiste von dem, was er da in 140 Zeichen hinausposaunt, nie umsetzt. Und vermutlich ist auch dies der Grund dafür, dass Europa auf seinen Auftritt vor den Vereinten Nationen erstaunlich gelassen reagiert, obwohl sich diese Rede eher wie eine Autorenlesung der schlimmsten Trump-Tweets anhörte.
Da Trump das undiplomatische Vorgehen zur Methode erhoben hat, wirkt die europäische Zurückhaltung umso auffälliger. Dabei gäbe es guten Grund, alarmiert zu sein. Mit seinen Iran-Tiraden droht der Präsident, über Jahre mühsam errungene Fortschritte zunichte zu machen. Noch schlimmer: Der Mann, der da einem ganzen Land (und nicht nur seinem Diktator) mit völliger Zerstörung droht, ist ein Nato-Partner. Das heißt: Zöge Trump tatsächlich gegen Nordkorea in den Krieg, könnten deutsche Truppen über die Beistandsklausel rasch involviert sein.
Dabei zeigt der außenpolitisch unerfahrene Trump den treuesten Verbündeten nur, wie wenig er von ihnen hält. Auch acht Monate nach seiner Amtseinführung gibt es in Berlin keinen US-Botschafter, über den man das Ohr des Präsidenten erreichen könnte. Im Außenministerium bleiben viele zentrale Stellen unbesetzt. Trumps schlanker Staat hat auch im Alltag wenig für Diplomatie übrig. Gerade das macht es schwer, seinen kriegerischen Auftritt vor der eigentlich als Friedensinstitution gedachten UN als bloßen rhetorischen Fehltritt abzutun. Leider.
Mike Schier
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