Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy hat zwar die juristische Logik hinter sich, wenn er Beamte der Guardia Civil nach Katalonien schickt, um gegen die separatistische Regionalregierung und ihre Referendumsvorbereitungen vorzugehen. Politisch klug ist die Strafaktion jedoch mit Sicherheit nicht. Statt zu deeskalieren, hat der Konservative Rajoy nur noch Öl in den ohnehin immer hitzigeren Streit um Kataloniens Unabhängigkeit gegossen. Jetzt steckt Spanien endgültig in der größten Krise, die die Demokratie seit ihrer Wiederherstellung 1978 erlebt hat.
Man hätte Rajoy mehr Mut zu einer britischen Lösung gewünscht: Die Regierung in London hatte es 2014 geschafft, trotz juristischer Hürden die Schotten legal über ihre Unabhängigkeit abstimmen zu lassen. Premier Cameron kämpfte leidenschaftlich für den Verbleib der Bravehearts in Großbritannien – und gewann. Ein solcher Kampf für die Einheit Spaniens mit Argumenten statt Handschellen könnte sich für Madrid noch immer lohnen. Denn Umfragen im spanischen Speckgürtel rund um Barcelona zeigen Zweierlei: Nur die Hälfte der Katalanen ist entschieden für die Unabhängigkeit. Aber eine große Mehrheit fordert ihr Selbstbestimmungsrecht ein, darüber abstimmen zu dürfen. Dies könnte die Stunde des Königs sein. Bei der Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags waren in Barcelona keine Pfiffe gegen Felipe zu hören. Mit der Ermöglichung eines legalen Referendums könnte der Monarch viele Katalanen für sich gewinnen und der Einheit Spaniens eine Chance geben.
Alexander Weber
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