von Redaktion

Klaus Grütjen, Westafrika-Repräsentant der Hanns-Seidel-Stiftung, lebt in Burkina Faso.

Herr Grütjen, haben Sie schon gewählt?

Selbstverständlich. Per Briefwahl.

Geht das bei afrikanischen Wahlen auch so bequem?

Nein, meines Wissens nicht. In Afrika stehen die Menschen teilweise stundenlang an, um wählen zu dürfen. Was auch davon zeugt, wie wichtig es vielen ist, ihre Stimme abzugeben.

Obwohl ihr Wille nicht immer respektiert wird.

Man muss deutlich differenzieren. Man kann ja auch nicht die Wahl in Deutschland mit der Wahl in Weißrussland vergleichen, nur weil beide Länder in Europa liegen. Im Senegal hat es zum Beispiel noch keinen einzigen Staatsstreich gegeben – trotz mehrerer Regierungswechsel seit der Unabhängigkeit 1960. Burkina Faso, Benin, Ghana – es gibt viele erfreuliche Beispiele, was Machtwechsel aufgrund von Wahlen betrifft.

Es gibt auch Unerfreuliche.

Natürlich. Trotz positiver Tendenz kommt es in manchen Ländern zu gewalttätigen Ausschreitungen. In mehreren Staaten gibt es nach wie vor Wahlbetrug – auch wenn es insgesamt allmählich besser wird. Wer seine Frustration darüber zu deutlich zur Schau stellt, riskiert Verfolgung. Teils wird beobachtet, wer wie wählt. Ganz geheim läuft das nämlich nicht immer ab.

Wie sieht es mit der Berichterstattung aus?

Unterschiedlich. In Burkina Faso oder Benin ist sie sehr frei. In anderen Ländern sind die Grundfreiheiten eingeschränkter, auch die Medien. In Burundi, wo ich drei Jahre gelebt habe, hat die Regierung einen misslungenen Staatsstreich 2015 dazu genutzt, alle privaten Radiostationen auszulöschen, auch die meisten bis dahin unabhängigen Zeitungen.

In Deutschland undenkbar. Dennoch gibt es hier viel Kritik am Politikbetrieb: am Personal, an der Berichterstattung…

Wir jammern zu viel. Wir sollten das durch aktives Engagement in der Politik ersetzen, dadurch unser demokratisches System stärken und gleichzeitig den Staaten helfen, die noch nicht die gleichen Standards haben. In Afrika hieße das zum Beispiel: zwischenstaatliche Strukturen zu fördern – wie die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS –, in denen sich die Staaten gegenseitig auch bei der Organisation von Wahlen unterstützen.

Interview: Sebastian Horsch

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