Angela Merkel In München

Heiser ins große Finale

von Redaktion

von Marcus Mäckler

München – Irgendwann kommt die Regie Horst Seehofer (CSU) zur Hilfe – und stellt das Mikro lauter. Bayerns Ministerpräsident spricht noch nicht lange, aber er hat „Merkel“ gesagt. Und für diejenigen, die sich zum Schreien und Pfeifen auf dem Münchner Marienplatz versammelt haben, ist das das Stichwort. Es sind nicht viele, Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt später, es seien vielleicht 100 Störer unter Tausenden, die die Kanzlerin sehen wollen. Aber ihr Pfeifen und ihre „Hau ab“-Rufe schallen laut.

Kurz vor der Bundestagswahl ist Angela Merkel (CDU) am Freitagabend nach München gekommen, um Einigkeit mit der Schwesterpartei CSU zu demonstrieren. Und wo sie hinkommt, so ist das in diesem Wahlkampf, da organisieren sich auch ihre Gegner. Pegida hat im Vorfeld zu Protesten aufgerufen, die AfD hat unweit vom Marienplatz eine Kundgebung organisiert. Auch linke Aktivisten sind da, Polizisten schirmen sie von den Merkel-Gegnern ab. Viele derer, die einfach zum Zuhören gekommen sind, schütteln irritiert die Köpfe.

All das ist nicht neu, die Kanzlerin kennt das schon. Den Störern sagt sie, was sie immer sagt: „Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands mit Sicherheit nicht gestalten.“ Ihre Stimme ist am Ende dieses Wahlkampfs heiser, sie wirkt ein wenig ermattet – genau wie ihre Rede. Es geht um teure Mieten und gute Pflege, innere Sicherheit und auch um das Flüchtlingsjahr 2015, bei dem sie versichert: „Wir haben daraus gelernt.“ Kein Wort über die Obergrenze, von der Merkel kürzlich sagte, sie werde sie garantiert ablehnen.

Auch ihr Herausforderer Martin Schulz tritt an diesem Freitag noch mal auf. Zuerst in Nürnberg, wenig später auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Er, der kaum realistische Chancen hat, am Sonntag zu gewinnen, knöpft sich seine Kontrahentin vor, die für „soziale Kälte“ stehe und das Land einlulle. Der AfD, die am Sonntag beste Chancen hat, als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzuziehen, ruft er zu: „Zieht euch warm an. Ihr seid unsere Feinde und wir werden die Demokratie verteidigen.“

Es ist nicht das einzige Mal, dass unter den 4000 Zuhörern lauter Applaus aufbrandet. Zwar fällt auch Schulz, der sich im Wahlkampf mit Vorschlägen und Konzepten nur so überschlagen hat, so kurz vor dem entscheidenden Tag nichts Neues mehr ein. Aber er wirkt trotzdem nicht wie ein Verzweifelter. „Ich kämpfe nicht aus Selbstzweck, nicht für Zahlen, nicht für Meinungsforscher“, ruft er. Sondern für ein gerechtes Land und ein geeintes Europa.

Die schönen Worte können aber nicht überdecken, dass großer Druck auf ihm lastet. Schulz und den Sozialdemokraten droht eine Demütigung. Läuft es ganz schlecht, fallen sie noch tiefer als 2009, als Frank-Walter Steinmeier gegen Angela Merkel nur 23 Prozent holte. Der Kandidat ist in der Partei zwar unverändert beliebt, auch, weil er bis zur letzten Minute alles gibt. Aber wenn er ein historisch schlechtes Ergebnis einfährt, dürfte der Griff nach dem Fraktionsvorsitz besonders schwierig werden.

Diese Sorgen hat Angela Merkel nicht. Aber auch sie mahnt, sich nicht allzu sicher zu fühlen. Schließlich habe die SPD ein rot-rot-grünes Bündnis nie ausgeschlossen. „Wir haben keine einzige Stimme zu verschenken“, sagt sie mit scheppernder Stimme, und Horst Seehofer, der in einer Reihe mit CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und Joachim Herrmann hinter Merkel steht, nickt zustimmend. Auch Merkel fuhr 2009 mit 33,8 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis ein. Je näher die Union am Sonntag dieser Marke kommt, desto lauter könnte in den eigenen Reihen die Frage nach Merkels Zukunft gestellt werden.

Aber am Marienplatz sind solche Gedanken dann doch noch weit weg. Die Pfiffe und Rufe dröhnen weiter, hier und da entstehen unter den Zuhörern heftige Diskussionen. Einer, der unentwegt durch zwei Finger pfeift, schreit einem Zuhörer ins Gesicht: „Das ist freie Meinungsäußerung.“ Der Mann kontert: „Dumm ist das“, nimmt seine Frau an die Hand und geht.

Der Abend endet mit der Bayern- und der Nationalhymne. Merkel singt tapfer mit, sie hat es fast geschafft. Am Samstag ist sie noch mal in ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, Schulz spricht in Aachen. Dann hat es sich in diesem Wahlkampf ausgeredet.

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